Migration, Biller, Klassenkampf

Rückblick auf eine Literaturdebatte

Kandinsky, Fugue - gemeinfrei, Ausschnitt

Ich hatte gedacht, diese Debatte habe sich zum Glück still und leise erledigt. Aber nun haben Herr Biller und Interviewer Alem Grabovac das Thema wieder ausgegraben, und da werde ich wohl auch ein wenig im Auswurf wühlen dürfen. Auswurf? Na das klingt jetzt mal unfeiner, als es sollte. Aber es trifft die Sache schon. Es geht um nichts anderes als die deutsche Literatur, dieses Elendsviertel der Weltliteratur. Und warum diese so ist, wie sie ist. Angepasst, zahm, vorhersehbar. Um es mit Homer Simpson zu sagen: Boooooooooring.

Für Biller ist der Grund dafür klar: Zu wenig Migranten. Kein Klischee ließ der Autor in seinem Essay von 2014 aus, um den Migranten als den möglichen Retter der deutschen Schreiberei aufzubauen, allerdings: Die derzeit schreibenden Menschen mit Migrationshintergrund seien die Falschen (auch angepasst, Biller schrieb tatsächlich „Onkel Toms“, keine ordentlichen Migranten mehr). So weit, so naja.

Insgesamt verkam die Debatte damals rasch zu einem Wunschkonzert über Literatur, die Feuilletonisten gerne lesen würden aber zu faul sind zu schreiben. Inhalte und Haltungen wurden dabei um ein Vielfaches stärker gewichtet als literarische Form, und neben Biller tat sich besonders die Wochenzeitung Jungle World mit zahlreichen Wünschen hervor. Wünsche, die bis heute eher Grund der Misere als Gegengift sein dürften.

Wünsch dir was

So wünschte sich etwa Enno Stahl, wenn auch verklausuliert einen pointierteren Klassenstandpunkt in der Literatur, die ja „das angestammte Medium der Gesellschaftskritik“ sei, und Michael Wildenhain gab gar gleich mögliche Themen vor:

Mich würde interessieren, wie ein Streik in den USA verläuft (wenn fast jeder eine Waffe besitzt), wie es den illegalen salvadorianischen Arbeitern auf den Erdbeerfeldern an der Westküste geht, welche Rolle heute die Mafia in den Gewerkschaften spielt.

Jörg Sundermeier schließlich schlug kurzerhand ein alternatives Ende für Effi Briest vor. Immerhin keilte er gegen Billers Migranten-Großstadt-Spektakel-Wunsch halbwegs treffsicher aus:

Es geht Elsner, Stahl und all den anderen reflektierten Realistinnen und Realisten um etwas anderes: nicht um das Genre des Textes, sondern um den Gegenstand der Erzählung. … Es gibt nämlich, Maxim Biller wird es nie verstehen, interessante und mitteilenswerte Begebenheiten in der Provinz, es gibt ein wirkliches Leben in der Vorstadt und auch eine Millionenerbin kann ein literarisches Material aufhäufen, ohne dass sie dafür an den Amazonas fahren muss. Literatur wird nämlich nicht von der Herkunft her geschrieben, es ist für einen Erzähltext egal, ob seine Autorin aus der Leipziger Bronx, aus Anatolien oder Rüsselsheim kommt.

Doch gab er zielsicher dies Rudiment von Erkenntnis gleich wieder auf, was die schale Rede vom wirklichen Leben ebenso verrät wie der kurz darauf von ihm zitierte Ausspruch: „Wenn Literatur nicht bei denen bleibt, die unten sind, kann sie gleich als Partyservice anheuern“.

Darauf, warum dem so sei oder was das eigentlich genau heißen soll, bleibt er nämlich ebenso eine Antwort schuldig wie Wildenhain die Antwort auf die Frage, warum einem Gewerkschaftsroman höhere Meriten zuzuschreiben seien als einen Roman der unter den sogenannten Oberen Zehntausend spielt, oder Biller warum ein wilder polyphoner Migrantenroman einer hoch konzentrierten Novelle eines der von ihm despektierlich als Onkel Toms abqualifizierten Autoren vorzuziehen sei. Und was ist eigentlich mit einem Meister, der die Polyphonie so streng beherrscht wie Rushdie oder Carpentier? Ist das noch ein Literaturmigrant nach Billerschem Geschmack? Oder ist das schon zu viel Kunstfertigkeit im Chaos, zu viel Zweite Wiener Schule?

Kurz: Es fehlt Biller und allen die sich ihm in der einen oder anderen Weise anschlossen und anschließen an literarischen Kriterien, wie Biller ja auch immer, wenn er versucht über Literatur zu reden, am Ende doch wieder über Inhalte spricht.

Haltung, Haltung aller Orten

Und diese Inhalts-, ja, oft genug sogar die Haltungsfixierung der Literaturkritik, in der der selbsterklärte Außenseiter ja keinesfalls alleine steht sondern zahm mit den Hunden im Zwinger heult (derzeit etwa werden unzählige Literaturwettbewerbe zum Thema „Flucht und Vertreibung“ ausgeschrieben, für politische Haltung gibt es Nobelpreise, und auch zum Favoriten, wenn schon nicht zum Gewinner, des Deutschen Buchpreises mauserte man sich damit), ist wahrscheinlich an der Misere, die man zu kritisieren vorgibt, weitaus schuldiger als Klassenzugehörigkeit oder Herkunft der Autoren.

Wenn dann zB Klassenkämpfer Stahl die „Queneau[s] … Burroughs oder Gaddis“ der deutschen Gegenwartsliteratur vermisst, vermisst er ohne es nur zu bemerken gerade Autoren, die auf Haltung scheißen, und wäre damit auf der richtigen Spur. Denn den Genannten ist Welt Gegenstand, den ihre Literatur fern jegliches naiven Realismus zergliedert und überformt, und so ganz neu begreifbar werden lässt. Poesie ist eben nicht einfach „Wahrheit“ (Biller). Grass, Walser, Erpenbeck: Das ist der Realitätsschock dessen, der zuviel wünscht. Und es wünscht im Chor mit (!) Biller bis heute ein staatlicherseits stark subventionierte Literaturbetrieb, in dem (ausnahmsweise dürfte das mal stimmen) tendenziell ein linkes Bauchgefühl herrscht, und den die Wünsche der linken Kritikerriege wohl eher stabilisieren als stürzen werden.

Und da ein Literaturbetrieb nun mal auch Gesellschaft spiegelt, und sich nicht über Nacht umwälzen lässt, da zudem starke Literaturen nicht selten in Krisenzeiten, die man sich kaum wünschen mag, gedeihen, wachsen, gar wuchern – warum nicht linkem Provinzialismus und nationalen Pseudointernationalismus einfach, und selten war das so einfach wie hier, echten Internationalismus gegenüberstellen? Braucht es denn zwingend eine mitreißende deutsche Literatur?

Echten Internationalismus wagen!

Sprich: Man schaue über den Tellerrand und lese halt internationale neue Erscheinungen und den ein oder anderen Klassiker. In Deutschland erschienenes auch, wenn es das wert ist, was dann wieder gar nicht so selten vorkommt, und ansonsten eben nicht. Allein in den US- und lateinamerikanischen Klassikern fänden sich übrigens die von Wildenhain heißersehnten Streiks unter Waffen, zB in Pynchons Against the Day, in Llosas Der Krieg am Ende der Welt oder in Dos Passos‘ U.S.A. – Trilogie. Keinesfalls sonderlich abseitige Werke. Und da hätte der Streifzug durch die kenianische, nigerianische oder senegalesische Literatur noch gar nicht begonnen.

Nachdem all das gesagt ist: Auch Biller ist den ein oder anderen Blick wert. Wenn er nicht übers Schreiben schreibt, schreibt er gar nicht so schlecht.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

More Posts

  • Klausi

    „Darauf, warum dem so sei oder was das eigentlich genau heißen soll, bleibt er nämlich ebenso eine Antwort schuldig wie Wildenhain die Antwort auf die Frage, warum einem Gewerkschaftsroman höhere Meriten zuzuschreiben seien als einen Roman der unter den sogenannten Oberen Zehntausend spielt, oder Biller warum ein wilder polyphoner Migrantenroman einer hoch konzentrierten Novelle eines der von ihm despektierlich als Onkel Toms abqualifizierten Autoren vorzuziehen sei.“

    Oder, anders gefragt, warum soll Gesinnung und Herkunft des Autors eine wichtigere Rolle spielen als Technik, Stil und Story? Hab grad das Obere-Zehntausend-Werk „Gold in den Straßen“ von Lilian Loke (selber auch irgendwie südostasiatisch-migrantisch, was aber zum Ärger von Biller & Co keine Rolle spielt) gelesen: eine plausible, spannende und schreiberisch hervorragend gelungene Milieustudie über die Frankfurter Nobelmaklermafia. Dagegen könnten Kermani & Co eigentlich einpacken, trotzdem werden sie gefeiert wie sonst noch was.

Wir verwenden Cookies, um Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Nutzung unserer Website an soziale Medien und für Analysen weiter. Durch die Benutzung unserer Webseite stimmen Sie dem zu. Weitere Informationen

Wir verwenden Plugins, mit denen Sie unsere Inhalte in sozialen Medien wie Facebook, Twitter und Google+ teilen können. Bereits durch den Aufruf von Seiten werden Informationen an diese sozialen Medien weitergegeben. Außerdem verwenden wir Google Analytics, um die Nutzung unserer Seite analysieren zu können.

Schließen