Herzschmerz, Heroin und nachtblaue Noten

Eine Kolumne für Jazz-Skeptiker. Ulf Kubanke holt das Genre aus Elfenbeinturm und Akademie und gibt dem Stil verdiente Verruchtheit, Romantik und Sexyness zurück. Vergessen sie alle empfundene Patina dieser Musik. Hier kommen ein paar Stories und Klänge, die jeden erobern.

Dexter Gordon - Village Vanguard Foto: Tom Marcello. Lizenz: CC BY SA 2.0

Just more, more, more of that Jazz”
(Queen 1978)

Die Rufe des einsamen Saxophons im fahlen Mondschein locken auf die falsche Seite der Stadt. Jene halbseidenen Gassen, in denen man mehr Blüten als Jungfrauen findet und Käuflichkeit die Nächte regiert. Ein Viertel, wo das Lipstick-Lächeln der süßesten Früchte selbst im Dämmerlicht der rostigen Laterne eine unter fettem Make-Up verborgene Lüge bleibt.

That’s what Jazz is to me.

An diesem Ort ist kein Platz für Doradengriller und die verkopfte Frickelbude selbstgefälliger Snobs, die sich gern als „Jatt-zzer“ bezeichnen. Schließlich soll diese Kolumne dem Jazz-Skeptiker keine Allergie bescheren, sondern echte Gänsehaut. Ein paar „Perfect Nightsongs“ braucht es dafür meinerseits; dazu ein Quäntchen ihrer kostbaren Zeit. Und noch vor Sonnenaufgang werden all diese Tracks gute Freunde sein. Der erste erwartet uns bereits in der wurmstichigen Kaschemme am Ende der Straße. Es ist das letzte Haus auf der linken Seite.

Art Pepper oder: Der Last Man Standing

Whiskeygetränkt, rauchschwanger und so dick die Teer wogt uns ein Hauch entgegen. Jetzt rasch hineingehuscht bevor der Türsteher mit der goldenen Zahnruine etwas bemerkt. Dort steht „Der Gefangene“ auf der Bühne und spielt sich im wahrsten Sinne des Wortes die Seele aus dem dürren Leib. Es handelt sich um Art Pepper und sein wundervolles „The Prisoner“. Eines dieser Stücke, die analog Robert Mitchum schwarzweiß im Trenchcoat und mit verkatert-rauer Stimme um die Ecke kommen.

Sein Titel stammt nicht von ungefähr. Der Saxophonist büßte für das „Verbrechen“ der Sucht und seinen Hang zu Beruhigungsmitteln, die seine Kunst nicht hinderten mit insgesamt 12 Jahren Knast, diversen Zwangseinweisungen usw. Man hört die Verbitterung zu Beginn deutlich in seinem Spiel. Zusammen mit der großartigen Akustikgitarre und dem rahmenden Piano groovt er sich im Verlauf aus aller Pein heraus und wandelt Schmerz in stürmischen Fukk-You-Blues. Ein Lied wie ein gestreckter Mittelfinger. Wer all dem ein offenes Ohr leiht, wird im Verlauf schier raubtierhaft angefallen ob der Wucht Peppers und seiner zur Schau gestellten Gefühle.

Verweilen wir doch noch einen Augenblick in der „I fought the law and the law won“-Rubrik.

Stan Getz oder: „I fought the law and the law won“

Seattle 1954: Ein recht abgerockter Stan Getz überfällt mit Spielzeug-Wumme und beträchtlichem Affen auf dem Rücken eine Apotheke. Statt das verlangte Morphium heraus zu geben, lacht die couragierte weibliche Bedienung ihn nur aus und schickt ihn wie einen dummen Jungen fort. Wieder bei klarem Verstand reut es den Musiker. Er entschuldigt sich telefonisch. Doch der Fluch dieser guten Tat lässt nicht lang auf sich warten. Die Polizei verfolgt das Gespräch zurück und Getz wandert erst einmal in den Bau.

Auch sonst ist er der „Two-Face“ des Jazz. Mal ein Pfundskerl, dann wieder launisch, cholerisch und sehr übergriffig. Ob gerade Dr. Jekyll oder Mr. Hyde vor einem stehen, war seinen Zeitgenossen ein – täglich mitunter mehrfach wechselndes – Glücksspiel. On Stage oder im Studio indes ließ der Jazz-Rabauke nie auch nur das Geringste anbrennen. Mit dem Sax an den Lippen war er ganz bei sich, unfassbar zart und sensibel. Den Bossanova machte er mit dem Monsterhit „The Girl From Ipanema“ weltbekannt. Erfinder des Latin-Jazz ist er ohnehin. Doch sind es vor allem Getz‘ Killerballaden, die zwischen Zerbrechlichkeit und Zupacken mäandern wie gemächliche Sommerwinde. Seine Interpretation des Klassikers „Autumn Leaves“ eliminiert kurzerhand die Lyrics des Originals und transportiert allen Ausdruck rein über das warme Timbre des Instruments. So zart und bitter wie die Liebe selbst.

Nach soviel Bad Boy-Charme kann eine kleine Verschnaufpause nicht schaden. Erfrischen wir uns doch ein wenig im eleganten Salon, der nebenan den besseren Kreisen als Spielplatz dient.

Modern Jazz Quartet oder: Ernie & Bert haben den Blues

Das MJQ-Kleinod “Blues In C-Minor” trumpft mit lässiger Entspanntheit auf. Im Kopf des Hörers entstehen automatisch Bilder von Damen in Grace Kelly-Abendgarderobe, deren Roulette-Getons in ellbogenlangen Handschuhen aneinander klicken. Herum drapieren sich ein paar elegante Gentlemen, deren Westen nicht ganz so weiß sind wie ihre tadellosen Smokings. Der Track selbst profitiert ungemein von den beiden zutiefst unterschiedlichen Hauptakteuren Milt Jackson (Vibraphon) und John Lewis (Piano). Beide sind ein wenig die “Ernie & Bert” des Jazz.

Der klassisch geschulte Lewis spielt lakonisch und sehr strukturiert. Jackson hingegen liebt den Ausbruch ins Spontane und überdeckt gern alles mit einem sprühend fröhlichen Notenteppich. Diese Mischung aus Ergänzung und Rivalität ergibt eine ganz eigene Spannung, die man durchgehend wahrnehmen kann.

John Coltrane oder: Der Silver Surfer

Auch der tragische Held John Coltrane gehört – neben seinen experimentellen Errungenschaften – zu den großen Romantikern des Jazz. Sein Horn verdichtet die Noten so massiv, dass beim Lauschenden der Eindruck einer Klangfläche entsteht. Wie der “Silver Surfer” gleitet sein Spiel durch die Töne. Das eingängige “Theme For Ernie” verführt unmerklich mit maximaler Smoothness und der wohligen Sanftmut des letzten Absackers. Nebenbei ist es perfekte Dinnermusik für wichtige Dates.

Die Genialität scheint hier vererbbar. Sein Großneffe macht als “Flying Lotus” kaum kategorisierbare Musik der Spitzenklasse und heizt die Glut im familiären Coal-Train weiter an.

Jim Hall & Co oder: Pink Floyd, Audrey Hepburn und keine Zähne

Supergroup trifft Super-Komposition. Inspirierte Ikonen nehmen sich des berühmten “Conciertos De Aranjuez” an und krempeln den spanischen Klassiker komplett um. Heraus kommt die mit Abstand unterhaltendste und schillerndste Variante dieser Perle.
Nach der angemessen verhaltenen Einführung des melodischen Themas geht es so richtig los (ca ab 4:00 min). Jim Hall ist einer der einflussreichsten Gitarristen üerhaupt. Hier zaubert er in Sound wie Anschlag ein dermaßen dahin gegilmourtes Solo aus der Kiste. Man fühlt sich automatisch an Pink Floyd erinnert. Nicht weniges scheint David von Jim gelernt zu haben. Ein Schelm, der hier an Zufall glaubte.

Alles lecker groovy unterlegt vom schmeichlerischen 70ies Easy-Listening-Beat des Schlagzeugs, welches durchweg den Ton angibt. Nach ein paar Minuten steigt Paul Desmonds Sax ein. Desmond ist nicht nur Composer des frühlingshaften Evergreens “Take Five” Er litt auch lange Zeit unter seiner unerwiderten Liebe zu Audrey Hepburn.

Von manchem Gig stahl er sich hinweg, wenn sie im Theater spielte, nur um einen Blick auf sie werfen zu können. In sicherer Entfernung rauchte er dann stets eine Kippe, sprach sie gleichwohl niemals an. Zeugnis dieser recht einseitigen Affäre ist sein Instrumental „Audrey“. Beide trafen einander nie. Erst nach Desmonds Tod erfuhr die rehäugige Actrice, dass ihr Lieblingssong eine persönliche Widmung war. Mit luftiger Eleganz tanzt Desmond hier ebenso ausgelassen wie vornehm durch das „Concierto“ und gibt dem Thema seinen verdienten Großstadt-Drive.

Kurz darauf jammert sich Chet Baker mit typischer Hängeschulter-Trompete zur Tür herein. Dieser Engel mit den gebrochenen Flügeln sah mittlerweile doppelt so alt aus wie er war. Ausgezehrt von mies verschnittenem Heroin und dem rastlosen Überleben auf Tour, verlor er früh seine Zähne. Die Prothese jedoch musste er mitunter verpfänden, um an Geld für den Stoff zu gelangen. Kein schönes Problem, wenn Auftritte anstehen. So spielt er mitunter vollkommen zahnlos und muss – technisch bedingt – gelegentlich von Trompete zu Flügelhorn wechseln. Bei dieser Aufnahme jedoch ist der Baker ganz bei sich und backt seinen brötchenwarmen Grundton ein. Eine Ästhetik, die dem „Concierto“ den Duft verlorener Romanzen und platzender Träume verleiht. Was für eine grandiose Elefantenhochzeit dieser unterschiedlicher kaum erdenkbaren Charaktere.

Miles Davis oder: Es kann nur EINEN geben.

Zum Schluss befinden wir uns mit dem nicht umsonst als „Prince of Darkness“ apostrophierten Miles wieder auf der Straße. Mitternacht ist lang vorbei und sogar der Regen weicht einer sommerlichen Pariser Brise kurz vor Sonnenaufgang. „Generique“ ist für mich der e i n e, der absolute König aller perfekten Nachtsongs. Nach ihm kann man nichts mehr spielen, nichts mehr hören. Der Sack ist zu.

Musikhistorisch ist es ebenso ein Meilenstein großer Filmmusiken wie Kernthema in Davis‘ Soundtrack-Album für „Fahrstuhl zum Schafott“. Befreit vom Zusammenhang „Film Noir“ jedoch erstrahlt das inbrünstiges Feuer erst komplett. Dieser dunkel glimmende Diamant enthält in weniger als drei Minuten alle Einsamkeit, alle Zweisamkeit, alle Qualen und alle Freuden der Liebe. Ist sein letztes Echo verklungen, zieht er alle anderen Rivalen um den Balladenthron in gebieterische Stille.

Ulf Kubanke

Ulf Kubanke

Ehemaliger Anwalt; nun Publizist, Gesprächspartner und Biograph; u.a. für Deutschlands größtes Online-Musikmagazin laut.de.

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  • John F. Sebastian

    Prima Artikel, jetzt, wo ich ihn zur Gänze gelesen habe. Und – ja Freunde – man kann das hier diskutieren, gut oder scheiße finden. Aber ein neuer Autor hat doch ein paar Worte verdient, oder?

  • Angela von Schlichting

    Schwulstig und völlig überladen mit Eigeninterpretationen. Wie die Musik nun wirklich war, kann ich mir nach diesem völlig überzogenen und ausladenden Artikel nicht einmal mehr vorstellen.

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