Maduro will die Haare schön

Keine Devisen, Inflation, leere Regale. Jetzt kommt es im Ölstaat Venezuela auch noch zu Energieengpässen. Statt mit Reformen reagiert Staatschef Maduro mit politischem Voodoo. Jetzt sollen die Frauen den Sozialismus des 21. Jahrhunderts retten. Indem sie ihre Haare nicht mehr föhnen, sondern Lufttrocknen lassen.

Lufttrocknen für den Sozialismus! Warum ist Erich Honecker bloß nicht auf diese Idee gekommen? Grafik: Timo Rödiger

In der DDR kursierte der Witz, dass Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter die schlimmsten Feinde des Sozialismus seien. Venezuela hätte da eigentlich bessere Voraussetzungen. Denn zumindest das, was die Genossen zwischen Erzgebirge und Ostseestrand Winter nannten, kennt man im Karibikstaat eigentlich nicht. Feinde scheint der Sozialismus auch in den Tropen zu haben. Denn obwohl Venezuela in Öl geradezu schwimmt, sind die Schlangen selbst für Produkte wie Kondensmilch oder Klopapier inzwischen so lang wie in der ostdeutschen Provinz zu schlimmsten Zeiten planwirtschaftlicher Mangelverwaltung.

Dass das ökonomische Desaster am System, an der Unfähigkeit der Herrschenden oder der allgegenwärtigen Korruption liegen könnte, verweist Nicolas Maduro, Nachfolger des 2013 verstorbenen Staatschefs Hugo Chávez, selbstverständlich ins Reich der Legenden. Schuld haben aus seiner Sicht immer andere: die grimmen Feinde im US-Imperialistenhort, raffgierige Unternehmer, die den so genannten Sozialismus des 21. Jahrhunderts aus Prinzip boykottieren und natürlich das Wetter. Neuerdings hat der frühere Busfahrer einen neuen Übeltäter ausgemacht: den Föhn.

Lufttrocknen für den Sozialismus

Akut leidet Venezuela an Energieknappheit. Dürre und Trockenheit haben die Stauseen und Flüsse im Land dezimiert, weshalb die Wasserkraftwerke derzeit nur einen Bruchteil der üblichen Energiemenge liefern können. Zudem hat es die Regierung in den vergangenen Jahren unterlassen, in Erneuerung und Ausbau von Kraftwerken zu investieren, während der Energiebedarf im Land ständig gewachsen ist.

Die Rettung des Sozialismus soll nun aus den Badezimmern kommen. Kein Föhn mehr und nur noch Mehrweg-Hygieneartikel für Frauen, lautet die Devise. Schwierig, in einem Land, in dem Körperpflege traditionell einen hohen Stellenwert hat – und dessen Damenwelt sogar innerhalb Südamerikas den Ruf genießt, besonders attraktiv zu sein. Immerhin waren venezolanische Beauty-Queens bei internationalen Schönheitswettbewerben auffällig oft erfolgreich. Es gibt sogar Institute, die junge Damen auf solche Veranstaltungen vorbereiten. Die richtige Frisur spielt dabei häufig eine Rolle. Hier kommt der Föhn ins Spiel, der aus Maduros Sicht unbedingt im sozialistischen Schrank bleiben soll. Lufttrocknen spart Energie, so der regierende Busfahrer, der auch der Ansicht ist – Zitat – dass „luftgetrocknete und mit den Händen in Form gebrachte Haare“ besser aussehen würden. Lufttrocknen für den Sozialismus? Wäre Erich Honecker auf diese Idee gekommen, würde die DDR dann heute noch bestehen?

Maduro dreht an der Uhr

Doch Cleverle Maduro hat noch mehr Rezepte auf Lager, mit denen der Sozialismus des 21. Jahrhunderts wie Lazarus vom Totenbett auferstehen soll. Zum einen soll die Uhr umgestellt werden, um das Tageslicht besser ausnutzen zu können. Nun erfreuen wir uns in Europa bereits seit den frühen 80er Jahren einer jährlichen Umstellung auf die Sommerzeit. Dass wir deswegen großartig Energie gespart hätten, ist umstritten. Immer wieder gibt es Forderungen, die Sommerzeit abzuschaffen. Auch war es der Säulenheilige des venezolanischen Sozialismus Chávez persönlich, der die Uhr erst vor wenigen Jahren in die entgegengesetzte Richtung drehen ließ. Mutmaßlich, um nicht in der selben Zeitzone leben zu müssen, wie die Imperialisten in Washington. Interessant, dass sein Nachfolger nun das profane Energiesparen höher bewertet als so ein anti-imperialistisches Glaubensbekenntnis.

Der genialste Schachzug des Machthabers von Caracas ist die Verkürzung der Wochenarbeitszeit. Freitags ist – zumindest für die Angestellten des seit Jahren immer weiter expandierenden öffentlichen Sektors – nun vorerst immer frei. Auch das soll Energie sparen helfen. Nur stellt sich die Frage, ob die privaten Haushalte in der entsprechenden Zeit nicht einfach mehr Strom verbrauchen. Außerdem kann an den Freitagen auch weniger von dem produziert werden, mit dem die venezolanische Wirtschaft theoretisch Geld verdienen könnte, wenn die Regierungen von Chávez und Maduro sie nicht mit aberwitzigen Gesetzen und ineffizienten Verstaatlichungen jeder Wettbewerbsfähigkeit beraubt hätte.

Gefährlichste Stadt der Welt

So taumelt Venezuela mit dem orientierungslosen Busfahrer am Steuerrad dem Zusammenbruch von Staat und Wirtschaft entgegen. 700 Prozent Inflation, eine quasi brachliegende Industrie, leere Regale in den Supermärkten, zahlreiche politische Häftlinge, ein korrumpiertes Justizsystem, das unbotmäßige Gesetzvorhaben des inzwischen oppositionellen Parlaments mit einem Federstrich kassiert. Fluggesellschaften fliegen Caracas nicht mehr an, und Telefongesellschaften stellen Anrufe nicht mehr durch – weil sie Angst haben auf wertlosen venezolanischen Bolivares sitzenzubleiben, die keine ernstzunehmende Bank mehr zum offiziellen Kurs in harte Valuta umtauscht.

Verheerender könnte die Bilanz nach 17 Jahren Chavismus nicht aussehen. Gäbe es ein Ranking der erfolglosesten Regierungen der Welt, Maduros Truppe müsste einen Rang weit vorne belegen. Zyniker sagen, dass selbst Nordkoreas Regime besser abschneiden müsste, immerhin ist es in Pjöngjang und Umgebung anders um die innere Sicherheit bestellt. Dort hat der Staat – im wahrsten Sinne des Wortes – das Gewaltmonopol. In Venezuela indes gibt es zumindest beim Morden noch einen starken Privatsektor. Caracas gilt als die gefährlichste Hauptstadt der Welt, mit der höchsten Mordrate der Welt. Ein paar Markenturnschuhe können Anlass genug sein, um erschossen zu werden, obwohl diese eigentlich als unnütze Statussymbole aus verkommenen imperialistischen Ländern gelten.

Nur Privatisierungen und gesellschaftlicher Dialog könnten verhindern, dass Venezuela endgültig zum failed state wird. Beides ist von Maduro nicht mehr zu erwarten. Eher könnte es zu einem Selbstputsch mit Hilfe des Regime nahen Militärs kommen. Der oppositionellen Mehrheit im Parlament hat der Präsident ganz klar den Fehdehandschuh hingeworfen (diese wiederum hat die Chavistas mit einigen symbolischen Akten, wie dem Entfernen eines Chávez-Porträts aus dem Parlamentssaal, auch bewusst provoziert).

Politik als Realsatire

Auf die immer schwieriger werdende ökonomische Lage hat Maduro stets mit noch mehr staatlicher Gängelung und der Gründung immer neuer Behörden reagiert. Und das in einem Funktionärssprech, wie ihn auch der Parteisekretär einer ostthüringischen Produktionsgenossenschaft nicht staubtrockener hätte intonieren können. Keine Spur von Chávez `Charisma.

Hört man Nachrichten aus Venezuela, denkt man manchmal unweigerlich: Das kann eigentlich nicht real sein, das muss aus einem Roman von Ephraim Kishon stammen. Soviel Satire hätte man aber selbst Kishon nicht zugetraut. Wer weiß, vielleicht wäre Maduro als Buchautor erfolgreich. Ein Versuch wäre es Wert. Vielleicht käme so wenigstens etwas Geld in die Staatskasse.

 

 

 

 

Andreas Kern

Andreas Kern

Der Diplom-Volkswirt und Journalist arbeitet seit mehreren Jahren in verschiedenen Funktionen im Bereich Öffentlichkeitsarbeit. Kern war unter anderem persönlicher Referent eines Ministers, Büroleiter des Präsidenten des Landtages von Sachsen-Anhalt sowie stellvertretender Pressesprecher des Landtages. Er hat nach einer journalistischen Ausbildung bei einer Tageszeitung im Rhein-Main-Gebiet als Wirtschaftsredakteur gearbeitet . Aufgrund familiärer Beziehungen hat er Politik und Gesellschaft Lateinamerikas besonders im Blick. Kern reist gerne auf eigene Faust durch Südamerika, Großbritannien und Südosteuropa.

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  • Marcus Munzlinger

    Mit Maduro ist der undemokratischste Flügel der PSUV und die reaktionärste Strömung der venezulanischen Linken in den Präsidentenpalast Miraflores eingezogen. Er geht auch viel brachialer als Chavez vor, der ja nach dem try-and-error Prinzip immer zwei Schritte vor und einen zurück gegangen ist. Maduro verficht sowohl politisch wie ökonomisch – das kann man zwar grob verkürzt, aber dennoch wohl treffend so schreiben – poststalinistische Konzepte (nicht in dem Sinne eines Stalinismus des 21. Jahrhunderts, sondern dass er einer Denktradition verpflichtet ist, die von den großen sozialistischen Parteien der 50er und 60er Jahren geprägt ist: Bürokratie, Bürokratie, Bürokratie! Und kein Blatt Papier zwischen Partei, Gewerkschaft & Bewegung!). Alles nicht gut. Aber obwohl die Lüge ebenfalls in solch ein Konzept gehört, ist nicht alles Lüge, was er und die PSUV zur Krise des Landes sagen. Natürlich versucht die venezulanische Rechte, die ohne Zweifel von den Großunternehmerner*innen getragen wird (siehe Putschversuch 2002) und die bis heute übrigens nicht enteignet wurde, die geschwächte Lage der Regierung seit den Parlamentswahlen zu nutzen und setzt ihre Mittel zur Destabilisierung des Landes nun vehement ein. Natürlich gehört dazu auch Schwarzmarkthandel, Verkauf der Waren nur gegen US-Dollar, Einstellung der Produktion, Verteuerung der Waren. Das sind keine Propagandalügen, zumindest nicht komplett. In Venezuela schwelt seit gut 15 Jahren unter der Oberfläche ein Bürgerkrieg – den aber die Regierungslinke eigentlich längst verloren hat. Bei aller tiefen Abneigung und Abscheu gegenüber der venezulanischen Rechten und der elitären Oberschicht mit ihren oftmals faschistoiden Gesellschaftskonzepten – es wäre wohl tatsächlich das Beste, die PSUV würde ihre auswegslose Lage akzeptieren und Maduro würde zurücktreten. Nicht weil er Busfahrer war (dieser Umstand ist das vielleicht einzig Fortschrittliche an seiner Präsidentschaft!), sondern weil es keine Perspektive für die PSUV geben kann – außer den eines offenen Bürgerkrieges mit dem Ziel einer Diktatur. Und genau das wollte der „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ zumindest als soziale Bewegung nie.

    • Andreas Kern

      Dass Maduro Busfahrer ist so viel oder so wenig interessant, wie das Physikdiplom der deutschen Bundeskanzlerin oder das frühere Pastorenant des Bundespräsidenten. Dennoch tauchen diese früheren Berufe bei Berichten über diese Personen ebenso auf, wie Wohnorte Oggersheim und Hannover bei zwei früheren Bundeskanzlern. Beim Busfahrer kann man indes noch das schöne Bild von der Orientierungslosigkeit malen.

      Ich weiß nicht, ob Chávez und seine Epigonen ja das Ziel eines gesellschaftlichen Ausgleichs gehabt haben, die Chance dazu wäre nach ihrem Wahlsieg 1998 da gewesen. Sie haben sie bewusst oder unbewusst krachend vertan Chávez hat gespalten, nicht versöhnt. Sie haben ökonomischen Voodoo veranstaltet und Geld in guten Zeiten verkonsumiert, anstatt zu investieren und für schlechte Zeiten vorzusorgen.

      Sicher, das Venezuela vor Chávez hatte grobe Fehler und wurde von einer arroganten Meritokratebschicht als quasi Eigentum behandelt und vermutlich auch an der einen anderen Stelle ausgenutzt. Es gab Ungleichheit und organisierte Kriminalität. Aber: wie sieht es heute aus nichts ist gut in Venezuela. Das Land ist auf der Rutschbahn nach unten, auf dem Weg zum failed State.

      Nelson Mandela hatte 1994 viel gravierende Probleme vorgefunden, als er sein Amt als Präsident Südafrikas antrat. Es gab Bürgerkrieg zwischen schwarzen und weißen, Apartheid, Hass und ebenfalls Ungleichheit. Aber Mandela war ein großer Mensch, ein Staatsmann, kein Ideologe und Scharfmacher wie Chávez. Er wählte der unbequemeren, langwierigeren und schwereren Weg der Versöhnung, der Evolution, der Reformen. Sicher, auch in Südafrika ist nicht alles gut. Was sicher auch an den weniger fähigen und moralischen Nachfolgern Mandelas im Amt sowie der Merhrzahl der Verantwortung tragenden Politikern geworden. Aber die Versöhnung eines Landes voller Hass wird Mandelas ewiges Verdienst bleiben. Mit einen Chávez oder Maduro Typen am Ruder wäre Südafrika geendet wie Zimbabwe – oder schlimmer.

      Aus Mandelas Lieblingsgedicht Invictus stammt der Satz: ich bin der meines Schcksal, bin der Kapitän meiner Seele. Der große Geist Mandela hatte diesen verinnerlicht und zum Leitmotiv seiner Politik. Zu solcher Größe waren und sind Maduro und Chávez nicht fähig. Ihre Kapitäne waren und sind wohl Radikalität und Ideologie. Die Menschen in Venezuela müssen dafür zahlen.

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