Wir sind Gaffer

Am Mittwoch platzte der Polizei in Hagen der Kragen. Nach einem Unfall eines 10-jährigen Mädchens wurden Polizei und Rettungskräfte von mehreren hundert Gaffern behindert, die auch noch ihre Smartphones zückten, munter filmten und fotografierten. Die Polizei schlug mit den Mitteln der Gaffer zurück.


Da nicht nur die Gaffer, sondern auch die Hagener Polizisten einen eigenen Facebook-Account – sogar mit blauem Häkchen – haben, machten sie sich dort nach dem Einsatz richtig Luft:

Schämt Euch, ihr Gaffer vom Hauptbahnhof!

Hey ihr Gaffer vom Hauptbahnhof,

wie ihr ja bereits durch Eure grenzenlose Neugier wisst, ist heute Nachmittag – in unmittelbarer Nähe zum Hagener Hauptbahnhof – ein kleines Mädchen von einem Auto angefahren worden, als es bei Rot über die Straße lief. Dabei verletzte es sich schwer und musste mit einem Rettungshubschrauber in ein Krankenhaus gebracht werden.

Ihr solltet Euch was schämen, dass mehrere hundert von Euch mit dem Smartphone in der Hand die Rettungsarbeiten massiv behindert haben. Euch ging es nur darum, das verletzte Kind und die Landung des Hubschraubers zu filmen. Sogar mehrere Streifenwagen waren notwendig, um den Rettungskräften den nötigen Platz zu verschaffen. Polizisten in der Absperrung habt ihr gefragt, ob sie mal an die Seite gehen können, damit ihr besser filmen könnt. Unfassbar!

Um das Mädchen in Ruhe behandeln zu können, hat es die Feuerwehr mit weissen Tüchern verdeckt. Aber selbst das hat Euch nicht daran gehindert, mit Euren Smartphones in der Hand angelaufen zu kommen und über die Tücher zu gaffen. Das ist wirklich der Gipfel der Skrupellosigkeit.

Merkt Euch für die Zukunft eins: Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei sind da um Leben zu retten und nicht um durch Euch Gaffer in ihrer Arbeit behindert zu werden. Jeder von uns könnte der Nächste sein und bei der Menschenrettung zählt jede Sekunde. Wir haben im Einsatz echt was Besseres zu tun, als uns auch noch um Euch zu kümmern. Lasst zukünftig die Smartphones in der Tasche und geht einfach weiter.“Unverändertes Zitat inklusive der Rechtschreibfehler

Strafen gibt es schon

An die straf- und bußgeldrechtlichen Konsequenzen ihres Verhaltens denken die wenigsten Gaffer, obwohl es die gibt:

In seiner harmlosesten Variante kann das reine Gaffen mit einem Bußgeld von 20 – 1000 € bestraft werden. Das ist ein hoher Preis für ein Logen-Ticket für das Drama Verkehrsunfall.

Wenn durch die Gafferei Rettungskräfte genötigt werden – z.B. weil so ein Gaffer sein Auto zum Verrecken nicht zur Seite fährt und den Rettungswagen dadurch bewusst und gewollt an der Durchfahrt hindert, dann ist eine Freiheitsstrafe bis zu 3 Jahren drin.

Nur blöde rumstehen, obwohl Hilfe erforderlich und auch ohne eigene Gefährdung möglich ist, wird als unterlassene Hilfeleistung mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder Geldstrafe sanktioniert.

§ 323c
Unterlassene Hilfeleistung

Wer bei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not nicht Hilfe leistet, obwohl dies erforderlich und ihm den Umständen nach zuzumuten, insbesondere ohne erhebliche eigene Gefahr und ohne Verletzung anderer wichtiger Pflichten möglich ist, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.

Mittlerweile wird bei Unfällen aber nicht nur zugesehen, sondern munter das Smartphone gezückt und die asozialen Netzwerke mit frischen Unfallfotos versorgt. Blut klickt gut. Aber auch dafür gibt es zu Recht strafrechtlich ordentlich was auf die Mütze. Und zwar nicht nur für die Veröffentlichung von Bildern der Unfallopfer, sondern bereits für das Fotografieren oder Filme. Bis zu 2 Jahre Freiheitsstrafe kann es gem. § 201a Abs. 2 StGB für den geben, der

 eine Bildaufnahme, die die Hilflosigkeit einer anderen Person zur Schau stellt, unbefugt herstellt oder überträgt und dadurch den höchstpersönlichen Lebensbereich der abgebildeten Person verletzt

Das Tatwerkzeug, also das schicke Smartphone, darf auch gleich eingezogen werden.

Nun hat die Polizei in der Tat bei so einem Noteinsatz, bei dem es um Leben oder Tod geht, etwas Besseres zu tun, als sich um die gaffende Menge zu kümmern. Deshalb kommen die Sensationsgierigen häufig immer noch völlig ungeschoren davon. Das ist zwar vielleicht bedauerlich, denn wenn es häufiger ein paar knackige Bußgelder oder auch die ein oder andere Freiheitsstrafe gäbe, könnte sich das durchaus in der Öffentlichkeit herumsprechen und den ein oder anderen von künftigen Gafferaktionen abhalten. Vielleicht.

Wo geht’s zur Steinigung?

Vielleicht aber auch nicht. Denn diese Sanktionen sind ja nicht wirklich etwas Neues – aber dass deshalb heute weniger gegafft würde als früher, ist nicht festzustellen. Schon bei den Steinigungen oder den Hexenverbennungen herrschte nie Mangel an Zuschauern. Die Sanktionen sind prinzipiell gut, aber sie lösen das Problem nicht. Sie können es nicht lösen, weil wir alle irgendwie Gaffer sind.

Das Phänomen des Zuschauens ist zunächst einmal ein zutiefst menschliches, ausgelöst von der völlig normalen Neugier, ohne die ein Mensch kaum lebensfähig wäre. „Gaffen“ ist erst einmal nichts anderes als Informationsgewinnung. Da gibt es einen Knall? Da stehen welche rum? Da riecht es nach Brand? Gucken wir mal, was da los ist. Ach ein Unfall, wie interessant. Da guck ich mal zu.

Auch Sie werden nicht in der Lage sein, sich nicht umzudrehen, wenn es hinter Ihnen laut knallt oder jemand herzzerreißend schreit – Schwerhörige mal ausgenommen. Oder vor die Tür zu rennen, wenn Sie draußen Bremsen quietschen und es danach scheppern hören. Das ist eine vollkommen natürliche, notwendige und grundsätzlich positive Reaktion. Eher ein Reflex als eine bewusste Reaktion. Wäre doch auch blöd, wenn da der Säbelzahntiger oder ein Feind mit einer Keule plötzlich hinter Ihnen stünde.

Menschen wollen, ja müssen wissen, was um sie herum geschieht. Es könnte ja sein, dass sie sich selbst in Gefahr befinden oder einem anderen Menschen helfen könnten. Solange sie alleine und vor der Polizei zu einem Unfall kommen, helfen sie in der Regel auch und/oder rufen Hilfe herbei.

Der Bystander-Effekt

Das Problem ist offenbar nicht die gesunde Neugier des Einzelnen, die meistens durchaus mit handfester Hilfsbereitschaft gepaart ist, sondern das seltsame kollektive Fehlverhalten der Gruppe. Wo viele sind, fühlt niemand sich mehr verantwortlich. Das ist der sogenannte Bystander-Effekt. Sollen doch die anderen machen bzw. wenn die anderen nichts machen, ist es vermutlich richtig, nichts zu tun. Und wenn dann die Rettungsprofis mit Tattüü-Tattaa anrücken, fühlt man sich komplett aus der Verantwortung. Statt dessen überwiegt dann die Schaulust und der Nervenkitzel. Früher hatte man dann was für die nächsten Tage zu erzählen, heute kann man das eben zusätzlich sofort verbreiten. Exklusiv und live. Ist ja bei CNN nicht anders. Mittendrin, satt nur dabei.

Aber, sind es wirklich nur die dummen Anderen, die sich so verhalten? Sind wir nicht irgendwo alle Gaffer? Die Einen stehen vor Ort und die Anderen hängen bei Facebook oder bei größeren Ereignissen bei N-tv oder CNN oder bei ganz großen bei ARD und ZDF rum. Da werden die Rettungskräfte dann neben denn Amateurgaffern gleich noch von Profireportern mit Interviewanfragen genervt. Und später gibt es noch einen Brennpunkt, mit Pink Floyd Musik im Vorspann. Drama Baby.

Je toter desto klick

Über die seltsame Faszination des Schrecklichen verdrängt der gaffende Mensch vor Ort dann offenbar, dass er durch seine Anwesenheit nur noch stört, die Hilfskräfte behindert, dem Opfer schadet. Kommt die Herzmassage ein paar Minuten zu spät, weil der RTW erst noch Gaffer-Slalom fahren musste, ist ein Mensch tot. Okay, erhöht natürlich den Unterhaltungswert des Unglücks. Je toter desto klick. Finden Sie jetzt zynisch? Da macht der gemeine Gaffer sich wahrscheinlich gar keine Gedanken drüber. Er guckt ja nur wie alle anderen auch. Selbst die Fotos und Filmchen für die Facebookfreunde oder auch die eigene Homepage, werden vermutlich überhaupt nicht als Persönlichkeitsverletzung des Unfallopfers angesehen, sondern als aufrechtes Sensationsreportertum. Manche blutroten Blätter zahlen ihren Leser-Reportern sogar noch was dafür. Und mal ganz ehrlich, wie weit wäre die Polizei in Köln denn mit der Aufarbeitung gekommen, wenn die Menschen auf der Domplatte in der Silvesternacht nicht „wie jeck“ gefilmt hätten? Je nach Situation kann der Griff zum Smartphone zum Sichern von Beweisen also sogar ganz sinnvoll sein. Okay, wenn sie stattdessen den Opfern oder der Polizei geholfen hätten – so das möglich war – wäre die Situation eventuell erst gar nicht eskaliert. Des einen Gaffer ist des anderen Zeuge.

Ich habe im Vorbeigehen bei einem Großbrand am Ende unserer Straße auch schon Gaffereltern gesehen, die ihre lieben Kleinen auf die Schulter nahmen, damit die besser das brennende Dach und die Arbeit der Rettungskräfte verfolgen konnten. Das war vermutlich als pädagogisch wertvoller Sachkundeunterricht gedacht. Manche Kider weinten, manche waren total begeistert. Kann man wirklich davon ausgehen, dass die alle miteinander ein großes Rad ab haben? Ich bin mir da nicht so sicher. Ich hatte übrigens selbst ein Foto des Großbrandes – ohne Menschen drauf und aus meinem Kanzleifenster heraus – gepostet.

Vielleicht kann es helfen, wenn überlebende Unfallopfer selbst einmal darüber berichten, wie beschissen sie sich in der Situation gefühlt haben, als die unlustigen  Schaulustigen sie umringten. Wie Lady Gaga von Paparazzi umzingelt zu sein, ist garantiert nicht besonders komisch, wenn man in seinem Blut liegt, Schmerzen und Todesangst hat und um sein Leben kämpft. Vielleicht sollten die Gafferopfer mal das Netz nach Bildern von sich durchforsten oder durchforsten lassen und die Gafferposter zivilrechtlich auf anständige Schmerzensgeldzahlungen verklagen. Vielleicht käme der Gaffer auch schon zu Vernunft, wenn er als einzelne Person und nicht als Bestandteil der Masse angesprochen würde. Wenn der Aufruf, sich zu verpissen nicht per Lautsprecher oder Megaphon, sondern in einer persönlichen Ansprache erfolgte.

Es gibt ja jetzt diese Gaffer-Abwehr-Wände. Die müssen von Menschen aufgestellt werden. Wenn man diese Retter, die diese Wände aufgestellt haben, damit beauftragt, nach dem Aufstellen einzelne Gaffer anzusprechen, erreicht man vielleicht mehr, als mit weiteren Sanktionsdrohungen, an die im Fall der Fälle niemand mehr denkt.

Faszination des Schrecklichen

Denn ich denke nicht, dass die Gaffer von Natur aus böse oder kriminell sind. Es sind eher ganz normale Menschen, die in der konkreten Situation empathie- und gedankenlos und damit objektiv völlig falsch reagieren. Sie sind fasziniert vom Ungewöhnlichen, vom Schrecklichen. Der Grusel der Realität ist ja nicht weniger anziehend als der Grusel von Krimis und Horrorfilmen. Das Erleichterungsgefühl, selbst dieses Unglück nur zu sehen und nicht erleben zu müssen, wird auch eine Rolle spielen. Erstaunlicherweise wird das Betrachten grauenvoller Bilder in seriösen Nachrichtensendungen als gesellschaftlich akzeptabel angesehen, das vermittelte Grauen damit gegenüber dem unmittelbaren moralisch höherstehend bewertet. Zum Teil wird angenommen , es gebe einen unüberwindbaren Zwang hinzuschauen, der aber nicht auf Neugier beruht, sondern auf einem unterbewussten Wunsch nach Bestätigung der eigenen Unversehrtheit beim Miterleben des Leides anderer. Dabei ist es dann auch egal, ob man sich eine Hexenverbrennung oder einen Verkehrsunfall ansieht.

Wie auch immer. Der nächste Unfall kommt bestimmt und wenn Sie den sehen, denken Sie mal an diese Kolumne. Helfen Sie, oder wenn Sie nicht helfen können, fahren Sie, in dem Bewusstsein das Richtige zu tun, einfach wieder.

 

 

 

 

 

 

 

 

Heinrich Schmitz

Heinrich Schmitz

Heinrich Schmitz ist Rechtsanwalt, Strafverteidiger und Blogger. In seiner Kolumne "Recht klar" erklärt er rechtlich interessante Sachverhalte allgemeinverständlich und unterhaltsam. Außerdem kommentiert er Bücher, TV-Sendungen und alles was ihn interessiert- und das ist so einiges. Nach einer mit seinen Freital/Heidenau-Kolumnen zusammenhängenden Swatting-Attacke gegen ihn und seine Familie hat er im August 2015 eine Kapitulationserklärung abgegeben, die auf bundesweites Medienecho stieß. Seit dem schreibt er keine explizit politische Kolumnen gegen Rechtsextreme mehr. Sein Hauptthema ist das Grundgesetz, die Menschenrechte und deren Gefährdung aus verschiedenen Richtungen.

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  • Wir sind alles was wir wolllen. Solange wir den Codex Alimentarius

    nicht brechen. Es könnte ja aus dem Feuer etwas essbares heraus flüchten. Oder wir werden beim Fotografieren für Leute vom Fernsehen gehalten und um ein Autogramm gebeten. Nun, zumindest wäre die Ausstattung der Polizei um einen mobilen 100Meter langen Paravan zu erweitern. Da aber jeder Mensch nicht nur ein Künstler ist, sondern auch das Recht hat zu recherchieren , somit auch ein Journalist ist, gibt es scheinbar eine Pflicht sich selber mit eigenen Augen über das Geschehen zu versichern. Ganz nach der Lehre der Evangelisten, dann möchten sie das dann bitte auch tun. Und nicht halbherzig andere von derArbeit abhalten. Eine rheinische Alternative des Frohsinns wäre, das ist eine meiner festen Überzeugungen, das Gaffen gegen Werfen von Kamelle zu

    substituieren. Wie es auch gedreht wird, besser es wäre nichts passiert, dann bräuchte man auch nicht Zeugnis ablegen.

  • Toby Kohn

    Aber aus dem Kanzleifenster heraus darf man nicht fotografieren andere häuser, denn die dürfen nur von öffentlichem ort aufgenommen werden und das ist der fussweg, die panoramafreiheit gilt nur von öffentlichen stellen.

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