Eine Latzhose im Fernsehhimmel

Peter Lustig ist tot. Mit ihm starb eine Institution des deutschen Fernsehens, die Kindern die Welt erklärte. So wie sie war und nicht so, wie er sie sich wünschte. Mit seiner Wärme und seiner Neugier weckte er bei Millionen junger Menschen das Interesse für Natur und Technik.

Löwenzahn und Pusteblume - so hießen die Sendungen, in denen Peter Lustig Kindern die Welt erklärte. Foto: Carl Wirth, CC BY-SA 2.0

An ihm kam niemand vorbei, zumindest niemand, der in den 70er und 80er Jahren Kind war: Peter Lustig, die lebende Latzhose, die so wunderbar Natur, Technik und Tierwelt erklären konnte. Obwohl es mittlerweile fast 30 Jahre her ist, dass ich zum letzten Mal seine Sendung „Löwenzahn“ gesehen habe, hat mich die Nachricht von seinem Tod berührt. 78 Jahre ist er geworden, der große Junge, der trotz seiner grauen Haare wie Peter Pan sein Leben lang alterslos wirkte. Irgendwie, so merke ich jetzt, gehörte er fest zur Kindheit meiner Generation dazu. Genau wie Fix und Foxi, Duplo oder Adidas-Turnschuhe. Fast könnte man meinen, da ist nicht einfach ein Moderator von uns gegangen, sondern ein Stück gute, alte Bundesrepublik.

Mit besagter Latzhose, Walrossbart und Nickelbrille sah Lustig zwar aus wie die Alt-68er Lehrer, die wir Schüler der „Generation Golf“ meist spießig und oft in höchstem Maß anstrengend fanden. Im Gegensatz zu denen war der Löwenzahn-Macher aber cool – die Welt erklären konnte er auch ohne erhobenen Zeigefinger. Woher kommt der Strom, wie baut man eine Maschine, warum haben Hunde vier Beine? Im Plauderton und mit viel Augenzwinkern brachte er die kleinen und großen Dinge des Lebens nahe. Authentisch und liebenswert, mit viel Verständnis für Kinder und die Art und Weise, wie sie die Welt sehen. Der Spruch, solche Sendungen werden heute nicht mehr gedreht – auf kaum ein Programm trifft das wohl so zu, wie auf Löwenzahn in der Lustig`schen Originalversion.

Ein Erklärer ohne erhobenen Zeigefinger

Schaut man sich heute Kindersendungen an, dann fehlen ihnen gerade die Wärme, die Schlitzohrigkeit und die Lebensklugheit, die Lustig fast 30 Jahre lang Woche für Woche versendete. Er war eben kein gecasteter Medienprofi, sondern authentisch. Jemand, der an der Schule des Lebens gelernt hat: Dreher, Fräser, Elektromechaniker, Kneipier, Tonmeister und zeitweiliger Bhagwan-Jünger.

Wer so eine Vita hat, kann kein spießiger Dogmatiker sein, der seinen veganen Speiseplan an der Excel-Tabelle austüftelt und bei jedem schmuddeligen Witz gleich ein Stück weit betroffen ist. So jemand braucht eine gesunde Portion Optimismus, um pragmatisch und schlau durchs Leben zu kommen. Und genau diese Schläue und dieser Erfindergeist waren das, was uns Kinder an dem Kauz faszinierte.

Auch wusste Lustig seine technischen und handwerklichen Begabungen immer dann perfekt in Szene zu setzen, wenn es galt, verrückte Maschinen zu erfinden oder den Bauwagen, in dem der Kinderfunker seit 1981 hauste, mit neuen phantastischen Apparaten aufzumotzen. Ideale Bedingungen, um Wissen und Erfahrungen glaubhaft weiter zu geben. Das dachten sich wohl auch die ZDF-Redakteure, die den Techniker 1979 vor die Kamera holten. Es sollte eine der weisesten Entscheidungen des deutschen Kinderfernsehens werden. „Nun aber abschalten“, diese Aufforderung am Ende jeder Sendung würde heute wohl kein Fernsehmatador mehr wagen. Dennoch schaltete eine ganze Generation die Glotze nicht aus, sondern zu jeder Sendung immer wieder neu ein.

Kein entrückter Hippie, sondern Lebemann

Dass diese Generation früh begann, sich für Natur und Umweltschutz zu interessieren, auch daran dürfte Lustig einen großen Anteil haben. Er traf eben stets den richtigen Ton. So schaffte es der gebürtige Schlesier, seine Neugier und sein detektivisches Interesse auf uns zu übertragen, anstatt uns mit Weltuntergangszenarien und Geheule a la „Karl der Käfer wurde nicht gefragt, man hatte ihn einfach fortgejagt“ abzuschrecken. Löwenzahn blieb trotz allen Anspruchs immer mehr Kindergeburtstag als Kirchentag. Und Lustig schien bei jeder Sendung selbst Spaß zu haben. Denn auch privat war er kein weltentrückter Öko-Hippie, sondern beinahe ein Lebemann, der Wein, gute Steaks und schnelle Autos liebte. Selbst die Latzhose war für ihn kein politisches Statement, sondern das praktische Utensil eines Hobby-Tüftlers. Als starker Raucher hatte Lustig auch zeitlebens mit Lungenproblemen zu kämpfen. Nach einer Operation lebte er schon seit Mitte der 80er mit einer halben Lunge. Gut, dass er den Kindern und dem Fernsehen dennoch so lange erhalten bleiben konnte.

Nun kann man hoffen, dass Lustig, Latzhose und Bauwagen gut im Fernsehhimmel angekommen sind. Wenn es dort Kinder geben sollte, dürften die nun viel Spaß haben.

 

Andreas Kern

Andreas Kern

Der Diplom-Volkswirt und Journalist arbeitet seit mehreren Jahren in verschiedenen Funktionen im Bereich Öffentlichkeitsarbeit. Kern war unter anderem persönlicher Referent eines Ministers, Büroleiter des Präsidenten des Landtages von Sachsen-Anhalt sowie stellvertretender Pressesprecher des Landtages. Er hat nach einer journalistischen Ausbildung bei einer Tageszeitung im Rhein-Main-Gebiet als Wirtschaftsredakteur gearbeitet . Aufgrund familiärer Beziehungen hat er Politik und Gesellschaft Lateinamerikas besonders im Blick. Kern reist gerne auf eigene Faust durch Südamerika, Großbritannien und Südosteuropa.

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