Harper Lee. Wenn Grabenkämpfe Literatur aus dem Blick rücken

Heute starben Umberto Eco und Harper Lee. Kolumnist Sören Heim findet Nachrufe meist nichtssagend und auch keinen adäquaten Nachruf in sich. Stattdessen eine ältere Verteidigung von Lees „Wer die Nachtigall stört“, das über Jahrzehnte vielfach unverdient ins Kreuzfeuer der Kritik geriet.


Die meistangegriffenen Bücher

Unter den 100 „most challenged books“ der Nachkriegszeit finden sich nach meiner Durchsicht deutlich mehr Texte von linken und liberalen, insbesondere aber antirassistischen und rassismuskritischen Autoren, als sich konservative, liberalkonservative, oder erklärt rechtsradikale Autoren finden würden. Das sollte all denen, die politische Korrektheit für ein modernes und dezidiert linkes Phänomen halten, zumindest ein wenig zu denken geben.

Aber nicht nur denen. Es ist ja kein Geheimnis, dass etwa Mark Twains The Adventures of Huckleberry Finn, obwohl früher gerne von Konservativen angegriffen, heute auch von Seiten der politisch korrekten Linken regelmäßig harsch kritisiert wird. Im Mittelpunkt solcher Kritiken steht für gewöhnlich Sprachmagie: Der Charakter Nigger-Jim, sowie die von offen rassistischen wie auch von sonst positiv gezeichneten Charakteren regelmäßig verwendete Bezeichnung „Nigger“ für Menschen schwarzer Hautfarbe soll für die rassistische Wirkung des Werkes bürgen. Reaktionäre und vermeintlich fortschrittliche Sprachkritiker arbeiten hier, wie nicht selten, Hand in Hand. Weil es beiden mehr als alles andere ein Graus ist: Über Unangenehmes offen zu sprechen.

Rassistische antirassistische Nachtigall?

Ein Beispiel dafür ist auch die periodisch wiederkehrende Diffamierung des wegweisenden Romanes Wer die Nachtigall stört von Harper Lee als ein wahlweise rassistisches oder Rassismus gegenüber zu unkritisches Werk. Diese Debatte fast etwa die englische Wikipedia zusammen.

An ihr lassen sich exemplarisch einige typische Einwände zurückweisen:

1) „One of the first incidents of the book being challenged was in Hanover, Virginia, in 1966: a parent protested that the use of rape as a plot device was immoral“

Was damals mit großer Wahrscheinlichkeit ein konservativer Einwand war, wird heute insbesondere vom radikalen Feminismus geteilt. Entscheidend dabei ist ein sehr weitreichendes Verständnis des Begriffes „plot device“. Tatsächlich kann man mit einigem Recht kritisieren, wenn Vergewaltigung innerhalb einer Handlung vor allem dazu dient, die Bösartigkeit eines „Villains“ zu demonstrieren. Es ist platt, es ist billig, es ist geradezu kitschig.

In Wer die Nachtigall stört ist das Gegenteil der Fall: Die niemals bewiesene und sehr fragwürdige Vergewaltigung von Mayella durch Tom rekurriert auf einen bedeutenden Topos des Kampfs gegen die rechtliche Gleichheit und die Freiheit der afroamerikanischen Bevölkerung insbesondere in den Südstaaten: Die Angst vor – und die Behauptung der Vergewaltigung weißer Frauen durch schwarze Männer war ein Antrieb zahlreicher Lynchmobs. Das zu thematisieren ist eben nicht „rape as plot device“, sondern reflektiert die Verhältnisse im amerikanischen Süden der 1930er Jahre.

2) „With a shift of attitudes about race in the 1970s, To Kill a Mockingbird faced challenges of a different sort: the treatment of racism in Maycomb was not condemned harshly enough. This has led to disparate perceptions that the novel has a generally positive impact on race relations for white readers, but a more ambiguous reception by black readers“

Statt einer realistischen bzw. glaubwürdigen Darstellung des Rassismus in einem kleinen tiefsüdstaatischen Kaff wird Moralismus verlangt. Es stimmt, Atticus Finch erzieht seine Kinder, auch Rassisten als Menschen zu respektieren, er setzt auf die Weiterentwicklung des Gesetzes, auch wenn es nicht mehr in seiner Lebenszeit geschehen sollte, dass Schwarze und Weiße vor dem Gesetz wirklich gleich behandelt werden, und auch Jem und Scout benutzen zwischenzeitlich ganz selbstverständlich rassistische Sprache. Wie anders auch hätte man über das fiktive Maycomb schreiben sollen?

Es ist genau die Einsicht, dass auch die aufgeklärteren und politisch progressiver veranlagten Eliten von Maycomb weder vor rassistischem Denken gefeit sind, noch die gesellschaftlichen Strukturen einfach so aushebeln können, die Wer die Nachtigall stört als Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex so bedeutend machen.

Wohl sähe sich auch eine entsprechend explizite Verurteilung des Rassismus, mit entsprechend unambivalenten Charakteren, Kritik ausgesetzt: Man könnte dann nämlich behaupten, es werde der Rassismus in Maycomb relativiert…

3) Furthermore, despite the novel’s thematic focus on racial injustice, its black characters are not fully examined….

Siehe oben.

Stereotype und Aberglaube?

4) „In its use of racial epithets, stereotyped depictions of superstitious blacks, and Calpurnia, who to some critics is an updated version of the „contented slave“ motif and to others simply unexplored, the book is viewed as marginalizing black characters…“

„Abergläubig“ – in ausdrücklichen Anführungszeichen – sind im Roman weiße wie schwarze Kinder und Erwachsene,. In der Gedankenwelt der Erwachsenen tritt aber in beiden Teilen der geteilten Gesellschaft die institutionalisierte Religion in den Vordergrund. Besonders ausgearbeitet präsentiert sich das Christentum zudem nicht etwa unter der weißen Elite, sondern wie es bei einem Besuch in der von den Kindern so genannten „Negro Church“ mit Calpurnia, Scout und Jem erlebt wird. Die Trope des „contented slave“ müsste als kritische überhaupt erst entwickelt werden. Denn wenn man sie auf jeden Charakter klebt, der nicht revolutionäre Ideale hochhält, wird sie zur platten Chiffre.

Dass es Menschen gibt, die die relative Sicherheit in Abhängigkeit auch unter den schlimmsten Bedingungen der Freiheit und Unsicherheit vorziehen, sollte jedem denkenden Menschen, insbesondere all den Linken, die seit 200 Jahren erfolglos versuchen jetzt aber endlich mal zur Revolution anzustacheln, kein Geheimnis sein. Vor allem aber: Calpurnia ist kein „contented slave“, sondern Angestellte in einem im Vergleich zum gesamten Umfeld sehr progressiven Haushalt. Und dennoch vertritt sie ja ihre ganz eigene Position und bringt Scout und Jem an Orte, an denen sie den „herrschenden Codes“ (Atticus Finch) zufolge nicht sein sollten.

Zuletzt:

„One writer asserts that the use of Scout’s narration serves as a convenient mechanism for readers to be innocent and detached from the racial conflict. Scout’s voice „functions as the not-me which allows the rest of us—black and white, male and female—to find our relative position in society“.

Tatsächlich ist es nicht von der Hand zu weisen: Die kindliche Perspektive ist oft eine dankenswerte. Sachverhalte, die sich ansonsten der Beschreibung sperrten, können so auf ein erträgliches Maß reduziert, wiedergegeben und behandelt werden. Nicht ganz fehl geht wohl Kritik an Günter Grass froschperspektivischer Anlage der Blechtrommel: Die Gräuel des Nationalsozialismus würden so verkleinert und konsumierbar gemacht.

Nachtigall und Blechtrommel

Allerdings wird im Vergleich mit der Blechtrommel auch ein grundlegender Unterschied zwischen Wer die Nachtigall stört und diesem Roman offenkundig: Bei Grass wird zusätzlich zur grundsätzlichen Perspektive auch erzählerisch die Shoah mit einer Ausnahme, über deren Bedeutung die Meinungen auseinandergehen, ausgespart, die Froschperspektive kann so als ein sich Herablassen auf das Narrativ des auch bildlich kleinen Mannes gelesen werden, der selbst Opfer des Nationalsozialismus sei. Die Froschperspektive wäre bei Grass dann eine Verstärkung, ein nicht vom Inhalt losgelöster Grund der Kritik.

In Wer die Nachtigall stört dagegen erlaubt die kindliche Perspektive Lee überhaupt erst, in Fleisch und Blut übergegangene Rituale. Seien es solche des Alltagsrassismus, seien es solche des Gerichtes, zu hinterfragen. Niemals wird von der Warte Scouts aus die Entschuldigung der rassistischen Vorurteile und Verfahrensweisen von Maycomb und Umgebung betrieben. Vielmehr hinterfragt das Kind, was der Erwachsene hinnimmt – oder wie es Atticus Finch tut, bekämpft – ohne noch weiter zu denken oder sich Hoffnungen zu machen. Grass beschweigt, und verkleinert dann, verschweigt damit sozusagen das Verschweigen selbst. Lee wählt die kindliche Perspektive, um genauer hinschauen zu können, ohne ihr Werk künstlerisch zu kompromittieren.

Faulkner, Capote, Vielstimmigkeit

Die künstlerische Qualität von Wer die Nachtigall stört droht aus dem Blick zu geraten, wenn man sich zu sehr auf die politischen Grabenkämpfe einlässt, die heute beinahe jedes erfolgreiche Werk in den Hintergrund zu drängen drohen. In Wer die Nachtigall stört klingt die virtuose Vielstimmigkeit William Faulkners an, Parallelen zu den frühen Werken von Lees Jugendfreund Truman Capote sind nicht zu übersehen. Faulkners atmosphärische Dichtung, das Bild, zusammengesetzt aus unzähligen in Dialogen und erlebter Rede aufgerufenen Eindrücke wird in Wer die Nachtigall stört aufgegriffen und popularisiert. Das macht die eindringliche Erfahrung aus, in Maycomb als Leser ganz gegenwärtig zu sein. Dass dieser großartige Roman heute vor allem als antirassistischer Text (hassten wir in der Schule nicht alles, was uns zu einer gewissen, und kaum hinterfragten Moral erziehen wollte) oder noch schlimmer dazu gegenteilig als rassistischer Text diskutiert wird, lässt die ästhetische Qualität trauriger Weise leicht in den Hintergrund treten. Und damit auch die ganz reale Auseinandersetzung mit Rassismus an einem gegebenen Ort zu einer gegebenen Zeit.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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