Feminisierung ist Professionalisierung!

Wolfram Eilenberger hat mit seiner Handballprovokation „Die Alternative für Deutschland“ demonstriert, was „Clickbait“ bedeutet. Kolumnist Sören Heim wirft einen Blick auf Eilenbergers widersprüchliche Angst vor „Feminisierung“ im Sport.

Damenhandball zieht nicht gerade wenige Zuschauer. Ob Wolfram Eilenberger davon schonmal gehört hat? Fc Nikon - Handball WM in Denmark 5_Sweden-China - CC BY-SA 2.0

Na das war doch mal so ein richtiger depperter Text. Da braucht es kein „Deppenapostroph“ oder „Deppenleerzeichen“, da reichte schon der schiere, sprachlich gar nicht mal so ungewand vorgetragene, Inhalt. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen das Stück unter dem Titel „Die Alternative für Deutschland“ von vornherein zu ignorieren, doch leider ist mein kleiner Bruder einer von diesen krautigen Handballern, und so wurde ich dann via Facebook doch noch dazu gebracht, mich zu informieren warum die Deutsche Handballnationalmannschaft „eine kartoffeldeutsche Sehnsucht bedient, die gerade wieder schwer im Kommen ist“.

Sichere Provokation

Nun ist Wolfram Eilenberger bekannt als einer, der gern provoziert. Nicht dort wo’s wirklich weh tun könnte, nein. Nicht, sagen wir, in Flüchtlingsfragen oder als Varoufakis-Fan im Land der „Schwarzen Null“, auch nicht als wütender Veganer oder noch wütenderer Antiveganer. Nein, Eilenberger provoziert im Sport, zuletzt beklagte er die Feminisierung des Fußballs, nun bejubelt er eben die angebliche Kraut&Kartoffel-Identität des Handballs – ein vergiftetes Lob, natürlich. Eilenberger wirkt dabei ein wenig wie ein Volleyballer, der sich über verweichlichte Rugbyspieler lustig macht. Schon recht, Eilenberger will nur spielen und freut sich sicher diebisch über all die, die tatsächlich über sein Stöckchen springen. Mich eingeschlossen.

Drum will ich auch gerne gut 15 ½ der mindestens 17 von ihm hochgehaltenen Stöckchen beiseite lassen und nur Eilenbergers Schreckensthema – Feminisierung – doch ein wenig genauer unter die Lupe nehmen. Bei Handball World hat man derweil bereits in einem angemessen launischen Statement einen Großteil der Angriffe zurückgewiesen, Bloggerin Robin Urban hat gezeigt, dass nicht wenige Handballer in deutschen Ligen durchaus einen Migrationshintergrund haben, und Oliver Fritsch hat in der Zeit ein differenzierteres Stück nachgelegt, in dem Handballverbände und -Vereine selbst zu Wort kommen.

Gut, Feminisierung also!

„Mit seiner auf maximale Körperintensität ausgelegten Spiellogik verspricht der Handball mit anderen Worten eben jenes Sehnsuchtsloch zu füllen, das ein rundum familientauglich gemachter, oberflächengeglätteter und spieltaktisch feminisierter Profifußball ins Herz vieler Nostalgiker gerissen hat. Zwei-Meter-Hünen, die aus vollem Lauf permanent aufeinanderkrachen, nur ohne Rüstung, lästige Pausen und affiges Event-Buhei.“

Das behauptet Eilenberger und greift dabei auf seinen vorherigen Rant zum Thema zurück, der grob gesagt darauf hinauslief, dass ihm Pep Guardiola seine geliebten Blut, Schweiß und Tränen – Bayern wegnehme (das Kämpferische des Fußballs, bei den Bayern sowieso nur in ihren schlechtesten Zeiten betont, also demontiere). „Feminisiert“ werde der Fußball durch das mal als Tiki Taka verunglimpfte, mal als Ballbesitzfußball gelobte Spielsystem, ein System also in dem durch durchdachtes Stellungsspiel und überlegt kontrolliertes Vorgehen in der Offensive erstmals viele Unwägbarkeiten des Fußballs halbwegs ausgeschaltet werden konnten, und das sich in verschiedenen Mischformen gerade bei den sowieso stärker besetzten Mannschaften daher aus guten Gründen weltweit durchsetzte. Eilenberger spricht von „Penetrationsarmut“, aber letztendlich ist Feminisierung nach Eilenberger nichts anderes als Professionalisierung. Na immerhin, da muss man ihn vielleicht gar keinen Frauenfeind schimpfen.

Der Antikosmopolit?

Und ausgerechnet Handball nun soll die deutschtümelnde Antipode zum feminisierten Kosmopoliten Fußball sein? Dieser Sport, bei dem es wie in kaum einem anderen auf Stellungsspiel ankommt? Bei dem das schnelle Umschalten zwischen Abwehr und Angriff, das flexible Bespielen der Positionen fast alles ist? Wo die Torhüter ihrem Ruf als wahnsinnige Kanonenkugelfänger zum Trotz schon seit Jahrzehnten den spielgestaltenden Manuel Neuer geben? Wo Tiki-Taka so sehr Usus ist, dass man mehrsekündige Dribblings mit der Lupe suchen muss? Und wo Damenhandball lange vor Frauenfußball zumindest halbwegs an die Spiele der Männer heranreichende Aufmerksamkeit generierte?
Nein Nein, Herr Eilenberger. Da haben Sie sich von ihrer persönlichen Begeisterung für schwitzende muskulöse 2-Meter Hühnen so sehr blenden lassen, dass Ihnen ganz entgangen ist wie sehr nach Ihren Begriffen „feminisiert“ Handball schon war, als Fußball noch ohne viel taktische Finesse mit gesenktem Kopf auf dem Kartoffelacker gespielt wurde.

Die Vereine wollen ja!

Abschließend: Woran liegt es denn nun womöglich, das tatsächlich wenige Jugendliche etwa mit türkischem Migrationshintergrund zum Handball finden? Ich denke die Sache ist einfach: Handball ist kein Breitensport und bietet keine besonders großen Aufstiegsmöglichkeiten wie eben der weltweit bekannte und beliebte Fußball. Handball hat zudem seine stärkste Tradition außerhalb der Ballungsgebiete, wo die Gesellschaft einfach weniger durchmischt ist. Vereine scheinen, glaubt man Fritschs Artikel in der Zeit, durchaus ein Interesse zu haben, auch Jugendliche mit Migrationshintergrund anzusprechen. Schon allein, weil insgesamt die Mitgliederzahlen rückläufig sind und sich da niemand Diskreminierung leisten kann. Aber das wird schwer werden. Weil Handball nicht Fußball ist, und dagegen nur wenig tun kann.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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  • Anderer Max

    Im Endeffekt bedient dieser Eilenberger ja einfach nur die simpelsten, rassistischen Ressentiments.
    Egal ob man sich dafür rechtfertigen muss zu viele oder zu wenige „Ausländer“ im Team zu haben – Die frage nach der Quantität ist ja bereits rassistisch, da nicht die handballerische Leistung (oder für als Humanist der „mensch an sich“) im Mittelpunkt steht, sondern seine Nationalität/Hautfarbe.
    Wem das nicht einleuchtet, kann die Fragen von Herrn Eilenberger ja mal an die Presseabteilung des FC Bayern schicken und fragen, ob deren Vorstand in Zukuft die Anstellung weiterer dunkelhäutiger Menschen, unabhängig von deren sportlerischen Leistung anstrebe.
    Für diese Frage gehörte man richtigerweise abgewatscht.

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