Es piept wohl

Von der erfreulichen Nachricht zum nervigen Kommando. Eine kleine Kulturgeschichte des Pieps.


Als ich zum ersten Mal dieses Piepen vernommen habe, war es eine Freude. Das ist jetzt rund ein Vierteljahrhundert her. Ich schaltete zum ersten Mal meinen Personalcomputer ein (ein Schneider Euro PC) und es machte „Piep“. Tausende Male habe ich seitdem ein solches Piepen gehört, aus verschiedenen Computergehäusen drang es zu mir, es signalisierte mir, dass das Gerät in Ordnung war, dass es ihm gut ging und dass es in wenigen Augenblicken meinen Wünschen zur Verfügung stehen würde.

Computer piepen schon lange nicht mehr, wenn man sie einschaltet. Heute machen sie irgendeinen Sound, eine kurze Melodie, so wie auch Smartphones und manch andere Geräte, die einen Lautsprecher haben.

Das allgegenwärtige Piepen

Das Piepen ist aber nicht verschwunden, im Gegenteil, es hat eine unheimliche Macht über meinen Alltag bekommen. Es freut mich nicht mehr, es macht mir Angst.

Da gibt es zum einen das informative Piepen, das ist ganz in Ordnung. Es ist noch ein bisschen mit dem guten alten PC-Piepen verwandt. Mein Auto macht Piep-Geräusche beim Einparken, aus denen ich die Entfernung zu anderen Autos, Pfeilern oder Tiefgaragenwänden ableiten kann. Man sollte bremsen, wenn aus dem Piep Piep Piep Piep Piep ein Piiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiep wird. Das ist ok.

Dann gibt es das Anfass-Piepen. Man hält es zuerst auch für ein informatives Piepen, sagt es einem doch, dass man irgendeinen Gegenstand berührt hat. Meist handelt es sich allerdings nicht wirklich um einen Gegenstand, sondern um einen gewissen Bereich, ein Symbol auf einem Gegenstand. Etwa die Zahl des Stockwerks, in welches man mit dem Fahrstuhl gelangen will. Man berührt die 4, sie wird rot und es macht Piep. Man berührt das Symbol ><, die Fahrstuhltür schließt sich, aber zuvor macht es Piep. Man berührt am Herd das Symbol für ein Kochfeld, es erscheint eine Zahl, und es macht Piep! Man verstellt die Alarmzeit am Herd, es piept bei jedem Schritt.

Wahrscheinlich gibt es irgendeine Systemeinstellung, zu der ich mich via vieler piepender Menüpunkte vorarbeiten könnte, um das Piepen auszustellen. Aber warum belästigt man mich überhaupt damit? Ich sehe doch, dass da was passiert, ich muss es nicht noch per Piepen bestätigt bekommen.

Bevormundung per Piep

Die neueste Erfindung der Piep-Industrie ist aber natürlich das Ermahnungs-Piepen. Wenn ich etwa bei meinem neuen Kühlschrank 10 Eier in die dafür vorgesehenen Halterungen einsortieren möchte, schaffe ich das nicht, ohne dass das Gerät vorwurfsvoll zu piepen beginnt, um mir zu sagen, dass die Kühlschranktüre noch offen steht! „Ich weiß es!“ möchte ich das Gerät anschreien, aber ich weiß ja, dass der arme Kühlschrank daran unschuldig ist.

Ebenso wie mein Auto, welches nicht nur informativ piepen kann, sondern auch nervig-ermahnend. Etwa, wenn ich mich nicht angeschnallt habe.

So wird das Piepen, das ich einmal so geschätzt habe, inzwischen zur Nervensäge, und zum Symbol unserer Zeit: Es sagt mir, was ich selbst schon weiß, und lässt sich nicht abschalten, weil sicherlich irgendein Sicherheitsexperte zusammen mit einem Vorschriftenschreiber sich das so ausgedacht hat, damit ich ja keinen Fehler mache. Kann ich da nicht selbst aufpassen? Bei denen piepts wohl.

Jörg Friedrich

Jörg Friedrich

Der Philosoph und IT-Unternehmer Jörg Friedrich schreibt und spricht über die Möglichkeiten und Grenzen des digitalen Denkens. Aufsehen erregte sein Buch Kritik der vernetzten Vernunft, in dem er zeigte, dass digitales Denken nicht durch Computer und Internet entstanden ist, sondern umgekehrt: das digitale Denken hat sich seine passenden digitalen Medien geschaffen . Friedrich ist Diplom-Meteorologe und Master of Arts in Philosophie. Sie erreichen Jörg Friedrich per E-Mail: joerg.friedrich@diekolumnisten.de

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