Von Comics und Fettlogik – „erzählmirnix“ Nadja Hermann im Interview

Unter dem Pseudonym „Erzählmirnix“ begann Nadja Hermann als Autorin einfacher Comics. Mit dem ursprünglich im Selbstverlag erschienenen Buch „Fettlogik überwinden“ hat sie sich einen Namen gemacht. 2016 erscheint Fettlogik bei Ullstein, Hermanns Comics werden fortan bei Heyne verlegt.

"Diäten" - Fortsetzung unten. (c) Nadja Hermann

Sören Heim: Guten Tag Frau Hermann, Sie haben mit dem ebook „Fettlogik überwinden“ diesen Sommer einen Überraschungserfolg gelandet. Darin setzen Sie sich unter anderem auch mit Studien auseinander, die belegen sollen, dass Übergewicht nicht gesundheitsschädlich sei. Auch unser Kolumnist Thilo Spahl argumentierte kürzlich so. Würden Sie zum Einstieg einmal kurz ihre Kritik an dieser doch sehr populären und häufig zitierten Studie darlegen?

Nadja Hermann: Gerne. Die Flegal-Studie wurde seit ihrem Erscheinen zigfach in den Medien zitiert, obwohl sie unter Fachleuten sehr umstritten ist. In diesem Harvard-Seminar ärgert sich der Redner darüber, dass im gleichen Zeitraum mehrere methodisch bessere Studien erschienen sind, die alle besagen, dass Normalgewicht das gesündeste ist und bereits im leichten Unter- und Übergewicht die Sterblichkeit und Krankheitsraten steigen. Aber die Masse dieser Studien wird kaum diskutiert, weil sie eben nicht spektakulär sind.

Krankheiten verfälschen Ergebnisse

Die Kritik an der Studie lässt sich im Prinzip darin zusammenfassen, dass sie einfach verschiedene Gewichtsklassen miteinander vergleicht. Klingt auch erst mal naheliegend, aber das Problem besteht darin, dass manche Risikofaktoren dazu führen, dass Menschen entweder eher dünn sind oder stark abnehmen. Raucher zum Beispiel wiegen im Schnitt weniger als Nichtraucher, haben aber ein stark erhöhtes Krankheitsrisiko. Menschen mit schweren Krankheiten wie Krebs nehmen oft vor dem Tod stark ab und sterben dann „schlank“. Das führt dann dazu, dass in der Kategorie der „Schlanken“ überproportional viele Menschen sind, die wegen anderer Faktoren ein erhöhtes Krankheits- oder Sterberisiko haben. Ein Beispiel dafür habe ich sogar in der eigenen Familie: Meine Großmutter väterlicherseits war ihr Leben lang schwerst übergewichtig. Mit Anfang 50 hatte sie einen Schlaganfall und war daraufhin mehrere Jahre bettlägrig und pflegebedürftig. In der Zeit wurde sie immer dünner, und bei ihrem Tod war sie formal tatsächlich Normalgewichtig. Sowas verzerrt natürlich die Ergebnisse.

Studien, die diese Faktoren mit einbeziehen kommen dann auch recht einheitlich zu dem Ergebnis, dass Normalgewicht das gesündeste ist. In „Fettlogik“ habe ich mehrere davon zitiert, unter anderem auch eine Studie, die nicht nur das Sterberisiko untersucht sondern auch die krank verbrachten Lebensjahre, also ähnlich wie im Falle meiner Oma. Menschen, die lange Zeit „leicht Übergewichtig“ sind verlieren dabei im Schnitt schon mehr als 6 gesunde Jahre und 2,7 Lebensjahre. Bei schwerem Übergewicht sind es fast 20 gesunde Jahre, die verloren gehen und mehr als 8 Lebensjahre.

SH: Verbreiteten Vorstellungen zum Thema Körpergewicht eine Vielzahl von Daten gegenüberzustellen – das ist die eine Seite ihres Buches. Die andere ist das grundsätzliche Hinterfragen so genannter „Fettlogiken“. Was sind Fettlogiken? Wie entstehen sie? Kann man das allgemein erklären? Oder vielleicht anhand besonders typischer Beispiele?

Comic 2NH: Puh. Ich sollte mir wohl mal eine richtige Definition überlegen. Bisher würde ich es etwa so zusammenfassen, dass Fettlogiken eine Sammlung von Mythen, Halbwahrheiten und Glaubenssätzen zum Thema (Über)Gewicht sind, die letztlich dafür sorgen, dass man dem eigenen Gewicht mit einer gewissen Hilflosigkeit gegenübersteht. In meinem Fall bin ich schon damit aufgewachsen, als kräftiges Kind einer Familie, in der so ziemlich jeder (schwer) adipös war. Am Kaffeetisch wurde dann darüber geredet, wie „schön schlank“ diese und jene Person ist, mit kritischem Blick auf den Körper und einem „du hast so ein hübsches Gesicht“…  während gleichzeitig das zweite Stück Kuchen auf den Teller geladen und davon geredet wurde, dass unsere Familie eben „breit gebaut“ sei.

Essen schlanke mehr Zucker?

Ich hatte mich an sich immer für Ernährung interessiert und schon als Teenie die ersten klassischen Diäten gemacht (Trennkost, Atkins, Kohlsuppe,…). Später ging ich auf ein ernährungswissenschaftliches Gymnasium mit dem Leistungskurs Ernährungslehre und Chemie, habe im Pychologiestudium meine Diplomarbeit über Diäten geschrieben und auch später viel zum Thema gelesen. Leider aber eben oft Artikel wie den bereits angesprochenen, mit verzerrten Infos. Die Flegal-Studie ist ja nur ein Beispiel. Ein anderes ist etwa die Studie darüber, dass Schlanke mehr Zucker essen als Dicke und es quasi keinen gesicherten Zusammenhang zwischen dem Essverhalten und dem Gewicht gäbe. Solche Studien führten mich zu der Annahme, dass „Übergewicht kommt vom Essen“ viel zu verkürzt sei und ich eben genetisch und durch die vielen Diäten in der Jugend einen Stoffwechsel habe, der mich „dick macht“ – inclusive der mit Anfang 20 diagnostizierten Unterfunktion der Schilddrüse. Infos wie „50-80% des Körpergewichts ist genetisch bedingt“ taten da ihr Übriges.

Im Endeffekt sorgte das dafür, dass ich in gewisser Weise auch etwas verbittert wurde, angesichts der Ungerechtigkeit. Immer wenn irgendwo über Übergewicht negativ berichtet wurde, ärgerte ich mich, weil ich es als unfair empfand, dass da etwas schlecht geredet wurde, was ich kaum kontrollieren konnte. Ich war der Ansicht, wenn ich als „Naturdicke“ schlank sein wollte, müsste ich extremst wenig essen und mich quasi permanent kasteien.

Als ich anfing, mich mit meinen Fettlogiken zu beschäftigen, stieß ich auf Studien, die zeigten, dass Übergewichtige massiv dazu neigen, ihren Nahrungskonsum zu unterschätzen. Unabsichtlich und ohne dass sie es merken. Dazu schreibe ich einiges im Buch und auch über meine eigenen Erfahrungen damit, daher halte ich es an der Stelle kurz. Im Endeffekt führt das dazu, dass so ziemlich alle Studien mit Selbstangaben vollkommen wertlos sind. Dann kommen solche Ergebnisse wie die in der obigen Studie heraus und man bekommt als Ergebnis, dass Dünne Unmengen in sich hineinstopfen und Dicke von einem Salatblatt zunehmen. Ich hatte vor einigen Tagen den Ernährungsepidemiologen Dr. Kuhnle auf meinem Blog im Interview, der genau diesen Effekt erforscht und subjektive Angaben mit objektiven Messungen vergleicht. In den objektiven Messungen ist dabei der Zusammenhang zwischen (viel) Essen und Übergewicht ganz eindeutig.

Fettlogik als doppelter Mythos

Als ich ausgehend davon anfing, Studien kritischer und vertiefter zu lesen, wurde mir bewusst, wie rundweg falsch vieles von dem war, was ich über 30 Jahre lang absolut verinnerlicht hatte. Im Prinzip könnte ich an der Stelle das gesamte Inhaltsverzeichnis von Fettlogik zitieren, wo jede dieser Mythen aufgelistet ist. Eben sowas wie „Hungerstoffwechsel wenn man zu wenig isst“, „Man muss Frühstücken oder soundsoviele Mahlzeiten essen“ oder „der BMI ist quatsch“. Vieles davon sind Dinge, die heute fast als „Allgemeinwissen“ laufen, und von der die Mehrheit der Menschen überzeugt ist. Wenn ich sage, dass etwas davon nicht stimmt, kommt oft als erstes ein Augenrollen und „Infomier dich mal!“, weil paradoxerweise viele dieser Mythen eine Art doppelter Mythos sind: Menschen glauben, sie hätten vertieftes Wissen und gerade dieses scheinbar vertiefte Wissen ist aber der Mythos. Natürlich ist es nicht ganz so einfach, denn vieles von dem „vertieften Wissen“ ist auch wahr, aber eben verzerrt dargestellt. Am Ende sorgt es dafür, dass Körpergewicht und Abnehmen unglaublich komplex wirkt und diese Komplexität führt zu der oben erwähnten Hilflosigkeit.

Meine zentrale Fettlogik könnte man wohl so zusammenfassen: „Als Naturdicke mit den Genen, der kaputten Schilddrüse und dem zerstörten Stoffwechsel wäre es für mich eine unendliche Quälerei abzunehmen, und wenn es blöd läuft, zerstöre ich mir den Stoffwechsel am Ende noch mehr. Und wozu das alles? So schädlich ist Übergewicht gar nicht, und mein Leben wird sicher nicht dadurch besser, dass ich irgendwelchen idiotischen Schönheitsidealen nachrenne und mein Leben lang nie mehr genieße.“

SH: In ihrer Antwort klang an, dass es persönliche Gründe gab sich mit Fettlogiken auseinander zusetzen? Aber wie kam es dazu, gleich ein Buch zu schreiben? Sie haben sich damit ja nicht nur Freunde gemacht?

NH: Meine zentrale Fettlogik hatte ich ja gerade angesprochen. Das klappte relativ gut, bis ich Anfang 30 war. Ich fühlte mich durch die 150kg nicht massiv eingeschränkt zu dem Zeitpunkt, was im Nachhinein betrachtet hauptsächlich daran lag, dass ich keinen direkten Vergleich hatte. Wenn man noch nie „fit“ war, kann man auch nicht sagen, wie sich „unfit“ wirklich anfühlt, denn es ist eben der Normalzustand. Einige Dinge, wie der stark erhöhte Blutdruck fielen mir zwar auf, aber ließen sich noch verdrängen. Der Leidensdruck begann für mich massiv, als ich Knieprobleme bekam und über ein Jahr lang zeitweise kaum laufen konnte und teilweise fast vollständig immobil war. Nachdem es mehrere Monate zwischen „schlimm“ und „erträglich“ pendelte, war im November 2013 ein Punkt erreicht, als es nochmal massiv schlechter wurde und ich gewissermaßen zusammenbrach. Das war für mich der Punkt, an dem „ein Leben lang selbst Kasteien und auf Genuss verzichten“ plötzlich weniger unangenehm schien als die permanenten Schmerzen und die Immobilität.

Mit 30 fast vollständig immobil

An dem Punkt kam dann wohl auch die Bereitschaft, die Dinge zu lesen, die ich bisher gerne übersprungen hatte, also Artikel und Studien zu Risiken von Übergewicht und darauf aufbauend dann weitere. Ich stieß relativ schnell auf die englische Reddit-Seite „fatlogic“, die in eine ähnliche Richtung geht wie Fettlogik und offensichtlich auch Namensgeber war. Dort werden hauptsächlich Screenshots typischer Fettlogiken gepostet, aber dazwischen gab es auch immer wieder Links zu seriösen Studien und Artikeln. Irgendwann waren meine Lesezeichen recht voll damit und ich fing an, selbst weiter zu recherchieren und weiterzulesen. Durch die starke Beschäftigung kam ich auch immer wieder auf Comicideen und bloggte in der Folge häufiger Comics zu einzelnen Fettlogiken. Und obwohl ich sonst teils sehr kontroverse Themen in Comics verarbeite, waren diese Gewichtscomics schnell die am heftigsten diskutierten, die stark einschlugen. Ich bekam weit emotionalere Reaktionen als bei den übrigen Themen und verlor auch einige Abonnenten. Ich bloggte damals noch komplett anonym und niemand wusste, das ich selbst schwer morbid adipös war.

Nach einigen Monaten kamen immer öfter positive Rückmeldungen, in denen mir Leser sagten, dass ich ihnen mit meinen Comics geholfen habe. Teilweise sehr ausführlich und sehr (mir fällt kein besseres Wort ein) intensiv. Ich hatte auch vorher öfter Dank für manche Comics bekommen, von Leuten die irgendwie betroffen waren und etwas hilfreich fanden. Aber die Mails und Kommentare zu den Gewichtsthemen waren dann tatsächlich im Sinne von „das hat bei mir etwas verändert“ und oft mit dem selben Gefühl, das ich eben auch hatte: Zu merken, dass ich nicht hilflos meinem Gewicht gegenüber bin, dass ich es ändern kann.

dMich störte dann immer mehr, dass ich gezwungen war, die Infos in den Comics so stark zu kürzen und zu vereinfachen, dass es schwierig war, das auszusagen, was ich aussagen wollte, ohne dass es wie platte Klischees klang. Meine erste Idee war daher, die Sachen einfach als Text zu bündeln und als Buch für die erzaehlmirnix-Leser zusammenzufassen, die mehr Interesse an dem Thema hatten und z.B. in den Kommentaren diskutiert und nachgefragt hatten. Mit der Hoffnung, dass diese dann verstehen, was ich meine und ich in Zukunft bei Nachfragen etwas habe, auf das ich verweisen kann. Ich kündigte also irgendwann Anfang 2015 das Projekt an und outete mich gleichzeitig zum ersten Mal als ehemals 150kg und zu der Zeit dann 65kg schwer.

Im Blogpost meldeten sich dann einige Leser fürs Korrekturlesen und das war so ein Moment in dem ich merkte, dass das tatsächlich was werden könnte. Die Rückmeldung war, dass das Buch sehr viel ausgelöst hatte und die Korrekturleserinnen begannen direkt nach oder während dem Lesen selbst mit dem Abnehmen. Klar, ein Teil des Effekts ist sicher der „Wenn die mit 150kg auf BMI 21 kommt, kann ich das auch!“, denn die meisten Leser liegen deutlich unter schwerer morbider Adipositas. Aber ein ebenfalls großer Teil ist wohl der Effekt, der sich bei mir ebenfalls mit dem Auflösen der Fettlogiken eingestellt hat: Das Loswerden der Hilflosigkeit.

Feminismus, „Fatshaming“ & Shitstorms

Die Reaktionen auf die endgültige Veröffentlichung waren dann gemischt, das stimmt. Für mich war die größte Überraschung, dass die Verkäufe stabil blieben nach den ersten drei Tagen. Also dass nicht nur erzaehlmirnix-Leser das Buch kauften, sondern es irgendwann anfing, sich unabhängig von dem Comicblog zu verbreiten, durch Empfehlungen. Und durch Shitstorms natürlich. Auf Twitter gab es einige Wochen nach der Veröffentlichung nach einer Empfehlung durch eine Feministin einen Aufruhr, weil es als „fatshaming“ gesehen wurde. Es hatte zwar keiner gelesen, aber der Titel und die Tatsache, dass ich stark abgenommen hatte und Dinge sagte wie „Übergewicht ist nicht gesund“ und „Gewicht ist kontrollierbar“ war recht eindeutig Dickenhassend, in den Augen derjenigen, die sich aufregten. Kurzzeitig wurde dann der Gegenhashtag „pizzalogik“ erfunden und es wurden Behauptungen getwittert, ich hätte sicherlich durch eine Magenverkleinerung abgenommen, denn „einfach weniger essen“ funktioniere ja nicht für jemanden, der so dick war wie ich. Das hat mich geärgert, denn DAS fand ich tatsächlich dickenhassend. Im Endeffekt stimmt es aber offensichtlich, wenn gesagt wird, dass es keine schlechte Werbung gibt, denn nach jeder Diskussion werden eben doch Leute neugierig, was da denn nun tatsächlich so schlimmes geschrieben steht und lesen rein.

SH: Für alle die nicht so im Thema drin sind, „fatshaming“, was heißt das denn? Wo kommt dieser Begriff denn her?

NH: In den USA gibt es seit einiger Zeit die „Fatacceptance-Bewegung“, die sich für die Akzeptanz von Übergewicht und gegen sogenanntes „fatshaming“, also „Dickenbeschämung“ ausspricht. Grundsätzlich kein schlechtes Ding, wenn es darum geht, dass jeder das Recht hat, auszusehen wie er will, ohne dafür beleidigt oder angegriffen zu werden.

Inzwischen hat sich die Definition von „fatshaming“ allerdings gewandelt und schließt wesentlich mehr ein, nämlich auch Aussagen wie „Übergewicht ist ungesund“ oder die Darstellung von Abnehmen als etwas erstrebenswertes oder positives.

Die zentralen Annahmen, die da verbreitet werden und auf denen Fatacceptance basiert, sind im Prinzip Basis-Fettlogiken:

– Gewicht ist nicht kontrollierbar sondern genetisch festgelegt und der Körper wird immer auf einen individuellen „Set Point“ zusteuern, zu dem er gewichtsmäßig hin will. In meinem Fall läge der also irgendwo über 150kg, denn ich habe ja kontinuierlich zugenommen und war entsprechend noch nicht an meinem natürlichen Setpoint angelangt

– weil Gewicht nicht kontrollierbar ist, ist Übergewicht auch nicht schädlich. Alle Zusammenhänge, die zwischen Übergewicht und Krankheiten gefunden werden, sind reine Korrelationen, also nicht durch das Übergewicht verursacht sondern zufällig, weil Menschen, die genetisch zu Übergewicht „bestimmt“ sind, eben möglicherweise auch genetisch für andere Erkrankungen ausgelegt sind

Beides widerspricht komplett dem Stand der Wissenschaft. Aber es finden sich natürlich immer vereinzelt Studien wie die beiden, die ich bereits kommentiert habe, und die dann eben exakt diese Theorien „belegen“. Mit solchen Studien wird dann begründet, dass Übergewicht zu Unrecht als gesundheitsschädlich verdammt wird und ganz offensichtlich Übergewichtige auch nicht anders essen als Normalgewichtige und trotzdem dick sind. Ganz klar: Set point. Übrigens ist auch die Verwendung des Begriffs „Normalgewicht“ bereits „fatshamend“, denn „Übergewicht“ impliziert, dass es ein „zu viel“ an Gewicht gibt.

Das Problem mit der „Fatacceptance“

Das Problem daran ist, dass „Fatacceptance“ angesichts dessen, dass inzwischen in den meisten Ländern eine hohe Quote an Übergewichtigen existiert und z.B. auch die Mehrheit in Deutschland mittlerweile übergewichtig ist, erst mal auf einen fruchtbaren Boden fällt und vordergründig sehr positiv ankommt, denn es geht ja um etwas Gutes: Beschämung und Diskriminierung verhindern und Übergewichtigen helfen. Im Endeffekt führt diese „Hilfe“ aber eben dazu, dass Menschen eingeredet wird, dass sie nichts gegen ihr Übergewicht tun können. Bei einer „Alkoholacceptance“ oder „Nikotinacceptance“ würden wohl die meisten direkt das Problem erkennen, obwohl die Begründungen sogar ähnlich sein könnten. Es gibt eine genetische Veranlagung zu Sucht und die Rückfallquoten sind sehr hoch. Ein zentrales Argument der Fatacceptance sind nämlich auch die „95% Rückfallquote“ bei Diäten, obwohl diese Zahlen schlichtweg nicht stimmen. Aber all das dient dazu, Menschen zur Resignation zu bringen und im Endeffekt eben zu akzeptieren, dass sie für immer Dick sein müssen.

In meinem Fall führte das dazu, dass mein Knie nun dauerhaft geschädigt ist und mein Arthroserisiko stark erhöht ist. Und im Endeffekt auch sehr viel verschenkte Lebensqualität, wenn ich es damit vergleiche, wie es mir z.B. dieses Jahr körperlich ging und die Jahre davor. Ich würde mir im Nachhinein wünschen, nicht akzeptiert zu haben, dick zu sein, denn die Entscheidung basierte auf falschen Informationen und Vorstellungen – also Fettlogiken. Mein Fall war natürlich Extrem, aber im Kleineren begegnet mir das alltäglich, also dass Menschen sich körperlich nicht so richtig wohl fühlen und eben „ein bisschen zu viel“ haben, aber dann von überall her demotiviert werden und ihnen gesagt wird, das sei doch gut so und man solle sich doch selbst akzeptieren, „an einer Frau muss was dran sein“ und „dieser Magerwahn ist ja nix“ – was ja völlig OK ist, wenn sich jemand tatsächlich wohl fühlt, aber nicht wenn es den 2/3 Übergewichtigen regelrecht aufgedrängt wird, weil der Durchschnitts-BMI mittlerweile im Übergewicht liegt, und das gefälligst dann gut zu sein hat. Und überhaupt, BMI ist ja eh Unsinn, weil der ja gar nicht trennt zwischen Fett- und Muskelmasse. Sowas hört man z.B. ständig, was aber nicht dazu gesagt wird ist, dass der BMI tatsächlich oft falsch liegt, aber nur bei 1% der Menschen weil diese so muskulös sind, dagegen bei fast der Hälfte unserer eher inaktiven Bevölkerung, weil sie zu wenig Muskeln haben. Während der BMI also noch „passt schon“ sagt, ist der Körperfettwert schon im übergewichtigen Bereich.

Während also tatsächlich das Übergewichtsproblem eher schlimmer ist, weil immer mehr Menschen übergewichtig sind und viele davon sogar nicht einmal offiziell erkannt werden, hört man meist eher Dinge wie „Dieser schreckliche Magerwahn in unserer Gesellschaft ist das Problem!“

SH: Sie haben Fettlogik ja zuerst im Selbstverlag als eBook veröffentlicht, wovon aufstrebenden Autoren noch immer gern abgeraten wird. Was war der Grund für diese Entscheidung, bzw. wo sehen Sie die Vorteile des Selbstverlags? Das Buch war so erfolgreich, unter anderem auf 1 in den Amazon-Charts Medizin (wenn ich mich da richtig erinnere?), dass der Ullstein-Verlag es in sein Programm übernommen hat. Mit welchen Erwartungen gehen Sie denn an den Verkaufsstart im Februar?

NH: Wie gesagt, ich hatte Anfangs keine großen Erwartungen an Fettlogik und es eher als Gimmick für die Blogleser gesehen. Es an Verlage zu schicken schien mir recht sinnlos, weil ich dachte, dass das direkt auf dem Stapel für „Ah, wieder jemand, der 5 kg abgenommen hat und dann meint, er müsse jetzt die Welt mit einem Buch darüber beglücken“ landet. Im Nachhinein denke ich, dass die Entscheidung für den Selbstverlag eine gute war, denn die Verhandlungsposition war eine andere, dadurch dass das eBook schon ein Erfolg war und sich daraufhin mehrere Verlage für Fettlogik interessierten.

Vorteile des Selbstverlags?

Ein anderer Vorteil des Selbstverlags ist finanzieller Natur, denn der Eigenanteil ist deutlich größer. Andererseits fehlt natürlich die professionelle Unterstützung in Sachen Lektorat oder auch Verkauf. Wie die Lage mit dem Erscheinen des Printbuches wird… keine Ahnung. In den Verhandlungen mit den anderen Verlagen wurde mir ziemlich klar vermittelt, dass von mir eine gewisse „Medienpräsenz“ erwartet wird. Bis dahin hatte ich alle Anfragen für Interviews für Radio oder TV spontan abgelehnt, weil das für mich als introvertierten Typ erstmal eine unheimliche Vorstellung war. Der Ullsteinverlag war in dieser Hinsicht sehr entspannt, also bin ich mir ziemlich sicher, dass ich mein eigenes Tempo finden kann. Momentan tue ich mich noch schwer mit Öffentlichkeit, obwohl mir das Thema sehr am Herzen liegt und ich – wie man vermutlich gemerkt hat – stundenlang darüber reden könnte. Ich lasse es auf mich zukommen.

SH: Ihre Autorenkarriere haben sie ja eigentlich mit sehr einfachen Comics begonnen, die meist mindestens einen doppelten Boden haben. Im kommenden Jahr veröffentlichen Sie bei Heyne ihren ersten eigenen Comicband. „Mit scharfsinnigem Blick beobachtet Nadja Hermann den Wahnsinn unseres Alltags und packt ihn in irrsinnig komische Comics. Mal bitterböse überspitzt, mal liebenswert menschelnd, dabei immer extrem pointiert – und vor allem extrem unterhaltsam“ schreibt der Verlag im Klappentext (so hätten wir dann die Charakterisierung abgedeckt). Wie kamen Sie überhaupt zu den Comics? Die Lust am Zeichnen war es ja wohl eher nicht?

NH:

Comic Antwort

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Alle Comics mit freundlicher Genehmigung der Autorin – (c) Nadja Hermann

Das Buch „Erzähl mir nix

Das Buch „Fettlogik überwinden

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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