Die Zukunft der arabischen Welt

Im Jahr 2011 wurden fast alle Kommentatoren von Euphorie erfasst, wenn sie über den „Arabischen Frühling“ berichteten. Längst ist die Euphorie einer Untergangsstimmung gewichen. Wohin treibt die arabische Welt?

„Yemeni Protests 4-Apr-2011 P01“ von Email4mobile. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0

Vor knapp fünf Jahren, im Januar 2011, musste der tunesische Diktator Ben Ali Hals über Kopf sein Land verlassen, verjagt von der eigenen Bevölkerung. Nur einen Monat später wurde der ägyptische Diktator Hosni Mubarak von einer demonstrierenden Massenbewegung aus dem Amt gejagt. In fast allen arabischen Staaten kam es zu gewaltigen Demonstrationen gegen diktatorische Langzeitherrscher, wie etwa in Bahrain, im Jemen, in Jordanien, Libyen, Marokko, Syrien und sogar in Saudi-Arabien. Von diesen Ereignissen wurden die politischen Kommentatoren der ganzen Welt völlig überrascht, niemand hatte damit gerechnet, dass die Menschen in arabischen Staaten plötzlich auf den Straßen ihre Rechte einfordern und Diktatoren stürzen könnten. Eine Welle der Euphorie erfasste fast alle, die zu dem Thema schrieben. Die Aufstände wurden mit dem Begriff „Arabischer Frühling“ bedacht, mit dem Sturz der Diktaturen Osteuropas im Jahr 1989 verglichen, und nicht wenige prognostizierten als nahe Zukunftsperspektive funktionierende Demokratien in der arabischen Welt.

Heute, im Jahr 5 nach dem Fall Ben Alis, ist die Euphorie des Aufbruchs längst der Ernüchterung des Untergangs gewichen. In Teilen Syriens und des Irak herrscht die Dschihadisten-Miliz Islamischer Staat und immer mehr Länder greifen aus den unterschiedlichsten Interessen heraus mehr oder weniger aktiv in den sich ausbreitenden Krieg ein. Der Jemen wird, ebenso wie Libyen, in einem blutigen Bürgerkrieg zerrissen. Der Versuch der Muslimbruderschaft in Ägypten, die bürgerlichen Rechte abzuschaffen und das Land einem religiösen Diktat zu unterwerfen, führte zu einem neuen Volksaufstand mit anschließendem Militärputsch – und eben der Abschaffung der bürgerlichen Rechte. Aktuell scheint von den Ländern des Arabischen Frühlings alleine Tunesien der Abwärtsspirale, in der sich fast die gesamte arabische Welt befindet, zu trotzen.

Wohin treiben die arabischen Staaten?

Die beiden französischen Demographen Youssef Courbage und Emmanuel Todd versuchten bereits im Jahr 2007, als noch kaum jemand die arabische Welt auf dem Schirm hatte, eine Antwort auf diese Frage zu geben. Das Ergebnis ihrer Untersuchungen ist vor allem deshalb interessant, weil die beiden Wissenschaftler das, was aktuell in der arabischen Welt passiert, vorausgesagt haben. Sie veröffentlichten ein Buch, das auf Deutsch den Titel Die unaufhaltsame Revolution. Wie die Werte der Moderne die islamische Welt verändern trägt  (frz. Original: „Le rendez-vous des civilisations“) und das zu Recht viel kritisiert wurde. An den Stellen, an denen sie von ihrem eigenen Fachgebiet, der Demographie, abrücken und sich etwa zu Religionen, Religionssoziologie oder Politik äußern, argumentieren sie fehlerhaft und schlecht, stellen unbelegte Behauptungen auf und widersprechen sich. So versuchen sie einerseits, den normativen Charakter von Religionen herunterzuspielen oder zu leugnen, während sie andererseits – wo es in ihr Konzept passt – einzelne religiöse Aspekte idealisieren. Die vielen Fehler, Widersprüche und unbelegten Behauptungen rühren vermutlich daher, dass ihr Anliegen weniger wissenschaftlich ist als politisch: Sie wollen belegen, dass es keinen Kampf der Kulturen gibt, sondern die verschiedenen Kulturen sich vielmehr stetig einander annähern. Das steht jedoch im Widerspruch zu ihrer eigenen These, die Werte des Westens würden die islamische Welt unterwandern und verändern. Denn wenn die Werte der einen Kultur die Werte der anderen untergraben, dann ist genau das ein Kampf der Kulturen – nur findet er nicht zwischen dem Westen und mehrheitlich islamischen Staaten statt, sondern innerhalb der islamischen Gesellschaften selbst.

Islamische Welt im Umbruch

Blendet man diese Schwachstellen des Buches aus, bleibt, wie bereits angedeutet, ein interessanter Befund, zu dem die Autoren durch die Analyse demographischer Daten gelangten: Die islamische Welt, und hier insbesondere die arabischen Staaten, befindet sich in einer Umbruchsituation. Laut Standardtheorie der Demographie führt die mehrheitliche Alphabetisierung zunächst der jungen Männer (20-24 Jahre), dann der jungen Frauen, zur Geburtenkontrolle und damit zu einem Absinken der Geburtenrate. Beide Faktoren, Alphabetisierung und Geburtenkontrolle, verändern eine Gesellschaft, wenn auch zunächst unbemerkt. Bei einer Geburtenrate von vier Kindern pro Frau bekommen immerhin 94% aller Paare einen Sohn; bei drei Kindern sind es schon nur noch 88% und bei zwei Kindern nur noch 75% – jedes vierte Paar bekommt also keinen männlichen Stammhalter, was in einer patriarchalen Gesellschaft zwangsläufig zu Umbrüchen führt, ohne dass den Mitgliedern der entsprechenden Gesellschaften deren Ursache bewusst ist.

Schon die mehrheitliche Alphabetisierung der Männer, vor allem aber die der Frauen führt zu gesellschaftlichen Veränderungen, denn sie stellt Hierarchien (zunächst innerfamiliäre, dann aber auch staatliche) in Frage. Dazu die Autoren:

„Stellen wir uns konkret vor, was in einer Gesellschaft geschieht, in der die Jüngeren mehrheitlich alphabetisiert werden. Während dort bald die Söhne schreiben und lesen können, bleiben die Väter Analphabeten: Ihre Autorität gerät unweigerlich ins Wanken. Und die Geburtenkontrolle, die mit dem erhöhten Bildungsniveau zunehmend Verbreitung findet, erschüttert die traditionellen Beziehungen zwischen den Geschlechtern. Den Ehemännern entgleitet die Autorität über ihre Frauen. Einzeln oder kombiniert sorgen diese Faktoren, welche die Herrschaftsverhältnisse erschüttern, in der Gesellschaft insgesamt für einen Orientierungsverlust. Dabei bricht meist auch die politische Macht zusammen – mit bisweilen verheerenden Folgen.“ (Seite 40)

Die Folgen dieser zunächst unbemerkten gesellschaftlichen Veränderungen schildern die Autoren anhand einer ganzen Reihe von Beispielen. Wenige Jahrzehnte vor der Französischen Revolution hatten die Männer die Grenze der mehrheitlichen Alphabetisierung überschritten und in den 20 Jahren vor der Revolution sank die Geburtenrate im Pariser Becken. In Spanien waren die jungen Männer 1865, die jungen Frauen 1920 mehrheitlich alphabetisiert und seit 1910 sank die Geburtenrate. 1936 folgte der Bürgerkrieg.

Alphabetisierung – Verhütung – Revolution

„Das Zeitalter der Alphabetisierung und der Verhütung ist sehr häufig auch das der politischen Umwälzungen. Die Revolutionen in England, Frankreich, Russland und China sind dafür typische Beispiele.“ (40)

Aber auch die faschistischen Umwälzungen in Spanien, Italien, Deutschland und Japan möchte man aufgrund ihrer Daten anfügen. Kurz: Laut Standardtheorie führt der Weg von der Alphabetisierung über die Verhütung zur Revolution. Auch die Krise in Algerien, die 1992 ausbrach, passt laut Autoren in dieses Schema: 1981 mehrheitliche Alphabetisierung der Frauen und ab 1985 Rückgang der Geburten.

Zu einem massiven Geburtenrückgang kam es ab spätestens 1985 in fast allen arabischen Staaten. Einzig im Jemen setzte er erst 1995 ein, in Tunesien und Ägypten bereits 1965. Die Geburtenrate aller mehrheitlich islamischen Staaten betrug im Jahr 1975 im Durchschnitt noch 6,8 Kinder pro Frau. Im Jahr 2005 war sie auf 3,7 gesunken (8). In Ägypten sank sie von 7,07 auf 3,36,in Algerien von 8,36 auf 2,57 und in Saudi-Arabien von 8,45 auf 3,61. In Tunesien liegt sie heute gar bei 2,02 (1975: 7,25), was der Geburtenrate Frankreichs entspricht. In der Mehrheit der arabischen Staaten waren bis 1980 auch die jungen Frauen mehrheitlich alphabetisiert. Ausnahmen bilden Ägypten (1988), Marokko (1996), Irak und der Jemen (beide erst Mitte des letzten Jahrzehnts).

Lange Phase der Gewalt

Mit ihrer Analyse hatten die Autoren die Aufstände des Jahres 2011 implizit vorausgesagt, was ihrer Theorie Plausibilität verleiht, war es doch gerade der junge, alphabetisierte und gut ausgebildete Teil der Bevölkerung, der als Erster die staatliche Macht in Frage stellte. Die Vorstellung eines reibungslosen Übergangs zur Demokratie in Ländern, die noch nie anders als mehr oder weniger despotisch regiert wurden, war allerdings nicht sehr realistisch. Einen schnellen Wandel hin zur Demokratie – auch wenn sie diese langfristig prognostizieren – können auch die Autoren nicht versprechen, sie schreiben vielmehr von „verheerenden Folgen“, die solche Umbrüche nach sich ziehen können. Alle von ihnen genannten Beispiele zeigen nach dem ersten Umbruch eine oft Jahrzehnte dauernde, politisch instabile Phase, die immer wieder in Gewaltexzessen mündet. Wenn die Befunde von Courbage und Todd richtig sind, müssen wir uns – und mehr noch die Menschen in der arabischen Welt – auf eine lange Phase der politischen Unruhen in diesem Teil der Welt einstellen, an deren Ende hoffentlich stabile, demokratische Systeme stehen, die die Rechte all ihrer Bürgerinnen und Bürger achten.

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Heiko Heinisch

Heiko Heinisch

Nach Abschluss des Geschichtsstudiums arbeitete Heiko Heinisch u.a. am Ludwig-Boltzmann-Institut für historische Sozialwissenschaft. Nach längerer freiberuflicher Tätigkeit arbeitet er seit Mai 2016 als Projektleiter am Institut für Islamische Studien der Universität Wien. Nach längerer Beschäftigung mit den Themen Antisemitismus und nationalsozialistische Judenverfolgung wuchs sein Interesse an der Ideengeschichte, mit Schwerpunkt auf der Geschichte der Ideen von individueller Freiheit, Menschenrechten und Demokratie. Er hält Vorträge und veröffentlichte Bücher zu christlicher Judenfeindschaft, nationalsozialistischer Außenpolitik und Judenvernichtung und widmet sich seit einigen Jahren den Problemen, vor die Europa durch die Einwanderung konservativer Bevölkerungsschichten aus mehrheitlich islamischen Ländern gestellt wird. Daraus entstand das gemeinsam mit Nina Scholz verfasste Buch „Europa, Menschenrechte und Islam – ein Kulturkampf?“ im Wiener Passagen Verlag (2012). Er ist Mitglied des Expert_Forum Deradikalisierung, Prävention & Demokratiekultur der Stadt Wien. Im Dezember 2016 erschien das gemeinsam mit Nina Scholz verfasste Buch „Charlie versus Mohammed. Plädoyer für die Meinungsfreiheit“ im Passagen Verlag.

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